Sechs Tage vor dem Jahrestag des Mauerfalls erscheint es fast zwingend, über einen Regisseur zu schreiben, dessen ganzes Werk aus dem Riss der deutschen Geschichte destilliert wurde. Konrad Wolf — 1925 in Hechingen geboren, 1982 in Ost-Berlin gestorben — hat die DEFA nicht nur geprägt, er hat ihr ein Gesicht gegeben, das bis heute nicht vergessen ist. Dabei war er kein Propagandist. Er war ein Zweifler, der im System arbeitete und trotzdem erzählte, was ihn wirklich umtrieb.
Zwischen Exil und Heimkehr: Die Biografie
Der Vater Friedrich Wolf — Dramatiker, Kommunist, Jude. Die Familie floh 1933 aus Nazi-Deutschland, über die Sowjetunion weiter nach Moskau. Konrad wuchs in der Emigration auf, Russisch wurde seine zweite Muttersprache. 1945 kehrte er mit der Roten Armee zurück — als Soldat, der das Land seiner Kindheit erst im Rückzug der Wehrmacht kennenlernte.
Diese Konstellation ist keine Randnotiz zur Biografie. Sie ist der Schlüssel zu allem, was er danach gedreht hat. Schuld, Verstrickung, Loyalität, die Frage, wofür man kämpft und wem man dabei dient: Das sind keine abstrakten Filmthemen bei Wolf. Das ist gelebte Geschichte.
An der Moskauer Filmhochschule WGIK ausgebildet, begann er Mitte der 1950er Jahre bei der DEFA zu arbeiten. Schnell war klar: Hier war jemand, der nicht nur Regie führen konnte, sondern auch wusste, was er sagen wollte. 1965 wurde er Präsident der Akademie der Künste der DDR — ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1982 innehatte. Herzinfarkt. 57 Jahre. Zu früh für einen, der noch nicht fertig war.
Sein Bruder Markus Wolf leitete jahrzehntelang die Auslandsaufklärung der Stasi — eine Tatsache, die das Verhältnis Konrad Wolfs zum DDR-Staatsapparat komplizierter macht, als es eine einfache Kategorisierung als „Staatskünstler“ erlauben würde. Wie viel er wusste, wie viel er schwieg, wie viel er schützte — das ist historisch nicht abschließend geklärt. Was man sagen kann: Seine Filme zeigten selten die Welt, die die SED sehen wollte. Mehr dazu, wie die DEFA-Führung mit unbequemen Künstlern umging, im Artikel über DEFA & Stasi.
Das Werk: Fünf Filme, die zählen
Lissy (1957) — Wolfs erster wirklich eigenständiger Film. Eine Arbeiterin im Hamburg der frühen 1930er Jahre, deren Mann sich den Nazis anschließt. Kein Triumphfilm. Eine Studie in Mitläufertum, das sich nicht einmal selbst als solches erkennt.
Sterne (1959) — Cannes, Sonderpreis der Jury. Ein bulgarischer Wachsoldat, eine griechisch-jüdische Deportierte, eine Liebesgeschichte, die keine werden darf. Wolf erzählt den Holocaust nicht durch Monumentalität, sondern durch das Scheitern eines einzelnen Menschen an seiner eigenen Feigheit. Das ist schwerer auszuhalten.
Der geteilte Himmel (1964) — nach dem Roman von Christa Wolf. Ich erinnere mich, wie ich das Buch vor dem Film gelesen habe, im ersten Semester DDR-Literatur, und dachte: Das lässt sich nicht verfilmen. Ich hatte Unrecht. Wolf behält die innere Zerrissenheit der Protagonistin Rita, die ihren Geliebten nach West-Berlin verliert, und macht daraus kein politisches Plädoyer — sondern eine Beschreibung von Schmerz, der keine gute Seite hat.
Ich war Neunzehn (1968) — das persönlichste Werk. Autobiografisch, direkt, ohne Schutzdistanz. Ein junger Offizier der Roten Armee, der im April 1945 als Übersetzer durch ein eben befreites Deutschland zieht und nicht versteht, was er sieht. Wolf selbst war damals neunzehn. Die Verwirrtheit ist echt. Kein anderer DDR-Film kommt dieser Ehrlichkeit so nah. Für die DDR-Filmgeschichte ist dieser Film ein singuläres Dokument.
Solo Sunny (1980) — letzter vollendeter Film. Eine Sängerin in Ost-Berlin, die nicht ins System passt und das weiß. Renate Krößner in der Hauptrolle: unverwechselbar. Wolf hat hier etwas gewagt, das viele seiner Zeitgenossen nicht wagten — eine Figur ins Zentrum zu stellen, die keine Antworten gibt und keine Läuterung erfährt. Sunny ist, wie sie ist. Das Kino lässt sie damit davonkommen.
Was bleibt
Konrad Wolf war kein Dissident. Er hat in der DDR gelebt, ein Amt bekleidet, die Strukturen genutzt. Gleichzeitig hat er Filme gemacht, die bis heute unbequem sind — nicht wegen ihrer Politik, sondern wegen ihrer Aufrichtigkeit. Das ist schwerer zu erreichen als Systemkritik.
Sein Erbe ist zweigeteilt. Die frühen Filme, besonders „Sterne“ und „Ich war Neunzehn“, werden international gezeigt und diskutiert. Die späteren, „Solo Sunny“ eingeschlossen, sind in Deutschland immer noch zu wenig bekannt. Das liegt auch daran, dass die Wende das DEFA-Kino erst einmal pauschal als Staatskino abgetan hat — eine Verkürzung, die langsam korrigiert wird. Wie sich das Kino rund um den Mauerfall selbst mit dieser Geschichte auseinandergesetzt hat, zeigt der Artikel über Wende-Kino und DEFA.
Wolf hat einmal gesagt, er drehe Filme, um zu verstehen. Nicht um zu erklären. Dieser Unterschied ist präziser als viele Filmtheorien.
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