Fiktives Porträt einer DEFA-Schauspielerin der 1960er Jahre — Theaterkostüm
DEFA-Schauspieler

Angelica Domröse: DEFA-Schauspielerin, Paula-Darstellerin und ihr Weg nach der Ausreise 1980

10. Juni 2026 · Aktualisiert: 19. Mai 2026

Angelica Domröse DEFA — der Name ist untrennbar mit einem einzigen Film verbunden. Die Legende von Paul und Paula. 1973. Heiner Carow. Eine Rolle, die zur Ikone wurde, zu einem der meistgesehenen DEFA-Filme überhaupt, und zu einem Symbol für das, was DDR-Kino auf seinen besten Momenten leistete: ehrliches Erzählen über echte Menschen, ohne Propagandalack und ohne westliche Hochglanzästhetik. Domröse hat diese Rolle in die Geschichte gespielt. Und dann, sieben Jahre später, alles riskiert, um sie hinter sich zu lassen.

Ihre Biografie ist kein Wendefilm-Klischee. Kein Held, kein Verrat, keine Erlösungserzählung. Es ist die Geschichte einer Frau, die im DDR-System groß wurde, ihm für eine Unterschrift trotzte, und die einen Preis dafür bezahlte — gezielt und in Kenntnis der Konsequenzen. Das verdient eine genaue Betrachtung.

Berlin-Weißensee, 1941: Die Entdeckung durch Zufall

Am 4. April 1941 kommt Angelica Domröse in Berlin-Weißensee zur Welt. Ihr biologischer Vater stirbt im Zweiten Weltkrieg, die Mutter heiratet Rudolf Otto Domröse — und gibt der Tochter damit den Namen, unter dem sie bekannt werden wird. Angelica, nicht Angelika. Diese Schreibung wird später regelmäßig falsch wiedergegeben, was sie selbst mit deutlicher Unlust kommentiert hat.

Als Jugendliche besucht sie Theaterzirkel im Palais Podewils, einem Kulturzentrum im Ostberliner Nikolaiviertel. Eine lockere Begegnung mit dem Bühnenmilieu, nichts Planmäßiges. Der entscheidende Moment kommt 1958: Regisseur Slatan Dudow sucht für seine Komödie Verwirrung der Liebe eine junge Schauspielerin. Über 800 Kandidatinnen bewerben sich um die Rolle der Siegi. Domröse bekommt sie. Sie ist 17 Jahre alt und hat keine formale Schauspielausbildung. Dudow wählt sie trotzdem — oder genau deswegen.

Es ist ein Einstieg, der typisch für das DDR-Kulturleben war und gleichzeitig untypisch für sie: Die DEFA und der Deutschen Fernsehfunk suchten Gesichter, die nicht nach Schauspielschule aussahen, die etwas hatten, das man nicht lernt. Domröse hatte das. Aber sie absolviert dennoch ein Studium an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg ab 1961 — der klassische Bildungsweg, den viele DEFA-Schauspielerinnen einschlugen, nachdem sie bereits erste Rollen gespielt hatten.

Berliner Ensemble und Volksbühne: Die Theaterjahre

Von 1961 bis 1966 ist Domröse am Berliner Ensemble engagiert, dem legendären Theater, das Bertolt Brecht gegründet hatte und das nach seinem Tod 1956 von Helene Weigel geleitet wird. Hier lernt man handwerkliche Präzision, politisches Bewusstsein, die Lust am Widerspruch. Das Berliner Ensemble ist kein Kaderbetrieb, auch wenn es im sozialistischen System operiert — es ist ein Ort, an dem künstlerischer Anspruch Vorrang hat.

1966 wechselt Domröse an die Volksbühne Berlin, wo sie bis 1979 bleibt. Dreizehn Jahre an einem der wichtigsten Theater der DDR. Parallel dazu arbeitet sie immer wieder für die DEFA und den Fernsehfunk — eine klassische Doppelexistenz, die für viele DDR-Schauspielerinnen selbstverständlich war. Bühne als Fundament, Film als Öffentlichkeit.

In Die Abenteuer des Werner Holt (1965) spielt sie eine der weiblichen Rollen in einem der ambitioniertesten Antikriegsfilme, die die DEFA je produziert hat. In Effi Briest (1969) zeigt sie, dass sie historische Stoffe ebenso tragen kann wie Gegenwartserzählungen. Kein Star-Kino, sondern Ensemblearbeit mit literarischem Anspruch. Der eigentliche Sprung kommt erst 1973.

Die Legende von Paul und Paula: Der Film, der alles änderte

Heiner Carow, Drehbuch von Ulrich Plenzdorf, Kamera Jürgen Brauer. Paula — alleinerziehende Mutter, schlechter Job, Plattenbau, ein Leben voller kleiner Niederlagen und trotziger Lebensfreude. Paul — verheiratet, unglücklich, Karrieremensch in einem System, das Karriere über alles stellt. Eine Liebesgeschichte, die eigentlich keine sein dürfte, in einem Gesellschaftssystem, das solche Geschichten nicht vorgesehen hat.

Ich habe Paul und Paula das erste Mal nicht im Kino gesehen — ich habe ihn erst nach der Wende entdeckt, in einem Seminar über osteuropäisches Kino an der Freien Universität. Was mich traf, war nicht die Nostalgie, die für viele DDR-Zuschauer mitschwingt. Es war die Leistung von Domröse selbst: eine Figur spielen, die gleichzeitig verletzlich und unbeirrbar ist, sentimental und pragmatisch. Paula kommt aus dem Bauch heraus. Sie ist kein literarisches Konstrukt. Sie ist eine Frau.

Winfried Glatzeder spielt Paul — und es stimmt, dass die Chemie zwischen beiden auf der Leinwand funktioniert. Aber der Film trägt Domröse. Paula ist seine emotionale Mitte, und Domröse hält diese Mitte ohne jede Anstrengung.

Die Produktionsgeschichte des Films ist politisch aufgeladen. Das Drehbuch trägt alle Zeichen eines Werks, das Probleme bekommen würde: explizite Sexualität, ironische Spitzen gegen Bürokratie und Parteileben, eine Protagonistin, die das sozialistische Kollektivideal schlicht ignoriert. Erich Honecker, seit 1971 Erster Sekretär der SED, entscheidet persönlich über die Freigabe. Er genehmigt den Film. Warum, ist bis heute nicht vollständig geklärt — vielleicht weil der Kinobesuch in der DDR zunehmend zurückging und man ein Publikumsprojekt brauchte. Vielleicht weil Honecker selbst einsah, dass ein kompletter Verbot die Stimmung weiter beschädigt hätte.

Das Ergebnis: rund drei Millionen Zuschauer allein im ersten Kinojahr. Kultfilm. Noch heute auf jeder Liste der bedeutendsten DEFA-Produktionen. Mehr dazu in unserer Übersicht der besten DEFA-Filme.

Domröse erhält 1976 den Nationalpreis der DDR. Die höchste staatliche Auszeichnung für Künstlerinnen und Künstler. Im selben Jahr wird sie zur Fernsehschauspielerin des Jahres gewählt. Der Höhepunkt einer DDR-Karriere. Und dann, im November desselben Jahres, der Bruch.

1976: Biermann, Petition, Konsequenzen

Wolf Biermann, Liedermacher und regimekritischer Poet, tritt im November 1976 in Köln auf. Die SED entzieht ihm während der Reise die Staatsbürgerschaft. Er darf nicht zurück. Der Schritt ist rechtlich fragwürdig, politisch rücksichtslos, und provoziert eine Welle des Protests in der DDR-Kulturszene.

Angelica Domröse unterzeichnet die Protestresolution. Hilmar Thate — Schauspieler am Deutschen Theater, ihr späterer Ehemann — ebenfalls. Thate verweigert auch dann die Rücknahme seiner Unterschrift, als der Druck zunimmt. Beide sind sich bewusst, was sie riskieren. Das ist kein impulsiver Akt.

Die Konsequenzen treffen präzise. Filmprojekte werden zurückgezogen. Rollenangebote bleiben aus. Das Fernsehen bucht Domröse nicht mehr in dem Umfang, in dem es vorher selbstverständlich war. Kein formelles Berufsverbot — aber das stille System des Nichtbeauftragens, das genauso wirksam ist wie ein schriftliches Verbot. Oft wirksamer, weil man keinen konkreten Bescheid anfechten kann.

Domröse und Thate heiraten 1976, nachdem Domröse ihre erste Ehe mit dem tschechischen Filmemacher Jiří Vršťala beendet hatte. Zwei Schauspieler, beide gezeichnet von der gleichen politischen Entscheidung, beide gemeinsam in einem System, das ihnen keinen Platz mehr lässt. 1979 stellen sie den Ausreiseantrag. Ein bürokratischer Prozess, der Monate dauert, der die Unterwerfung unter eine Maschinerie verlangt, die man innerlich längst verlassen hat. 1980 wird der Antrag genehmigt.

Ausreise. Nicht Flucht. Das ist kein semantisches Detail — es ist ein faktischer Unterschied. Domröse und Thate haben beantragt, erklärt, gewartet. Sie haben die DDR auf legalem Weg verlassen, weil sie die Bedingungen, unter denen man ihnen illegale Aktivitäten vorgeworfen hätte, nicht erfüllten. Das System ließ sie gehen. Es war billiger als der Aufwand, sie weiter zu kontrollieren.

West-Deutschland: Neuanfang zwischen Thalia und Kainz-Medaille

Sie kommen nach Westberlin. Berlin-Charlottenburg. Das ist ein seltsamer Ort für einen Neuanfang: dieselbe Stadt, aber eine andere Welt. Kein Netzwerk, kein Ruf im Westen, kein automatischer Transfer des DEFA-Ruhms.

Die Anfänge sind nicht einfach. Das westdeutsche Theatermilieu der frühen 1980er Jahre kennt Domröse nicht — oder kennt sie nur als politischen Fall, als Ausreiserin, als das, was sie verlassen hat. Die künstlerische Identität muss neu verhandelt werden. Das dauert.

Domröse arbeitet am Thalia Theater Hamburg, am Schillertheater Westberlin, am Schauspielhaus Bochum, am Wiener Burgtheater. Eine Topographie der deutschsprachigen Bühnenkultur. Schrittweise. Ohne triumphalen Durchbruch, aber mit stetiger Qualität. 1988 erhält sie die Kainz-Medaille — eine der renommiertesten österreichischen Theaterauszeichnungen — für ihre Leistung in Frauen. Krieg. Lustspiel. nach Dario Fo und Franca Rame. Die Auszeichnung signalisiert: Sie ist angekommen, nicht als DDR-Relikt, sondern als ernstgenommene Bühnenkünstlerin.

Parallel dazu: Fernsehen, Spielfilm, die langsame Wiedereinbindung in einen Produktionsbetrieb, der ihr fremd gewesen war. Bemerkenswert ist, dass Domröse nie versucht hat, ihre DEFA-Vergangenheit als Sprungbrett zu nutzen oder sie umgekehrt zu verleugnen. Paula ist Paula geblieben. Die Figur hat sie nicht losgelassen — und sie hat die Figur nicht losgelassen.

Nach der Wende: Rückkehr, Erinnerung, Boulevard der Stars

1989 fällt die Mauer. Für Domröse ist das keine abstrakte historische Zäsur — es ist die Auflösung einer Grenze, hinter der neun Jahre lang ein Teil ihrer Biografie und ihres Publikums geblieben war. Sie kehrt zurück, nicht als Heimkehrerin im pathetischen Sinn, sondern als Berlinerin, die wieder in der ganzen Stadt leben kann. Sie lebt zwischen Berlin-Charlottenburg und Brandenburg.

Die Nachwendejahre bringen Bühnenarbeit, Fernsehproduktionen, die Öffnung eines Archivs von Rollen, die nun wieder gespielt werden können. DDR-Filme laufen jetzt ohne ideologischen Kontext — oder mit einem anderen Kontext als dem, in dem sie entstanden sind. Paul und Paula wird wiederentdeckt, immer wieder, von Generationen, die den Film im Osten im Kino gesehen hatten und von solchen, die ihn erst jetzt kennenlernen. Domröse ist bei diesen Wiederentdeckungen präsent — nicht musealisiert, sondern lebendig.

2003 erscheint ihre Autobiografie Ich fang‘ mich selbst ein. Ein persönliches Dokument, das die Biermann-Episode, die Ausreise, die Westjahre aus ihrer eigenen Perspektive beschreibt. Kein Abrechnungsbuch, keine Heldengeschichte. Eine Reflexion.

2010 erhält Domröse einen Stern auf dem Berliner Boulevard der Stars — die deutsche Antwort auf den Hollywood Walk of Fame, eingelassen in den Asphalt des Ku’damms. Die Ehrung für jemanden, der das Ost-West-Kapitel der deutschen Filmgeschichte wie wenige andere verkörpert.

Hilmar Thate, ihr Ehemann und Wegbegleiter durch alle diese Jahre, stirbt am 14. September 2016 in Berlin. Er ist 85 Jahre alt. Auch er hat die DEFA geprägt — in Frank Beyers Karbid und Sauerampfer (1963), in Konrad Wolfs Der geteilte Himmel (1964). Auch er hat 1976 unterzeichnet, sich geweigert zurückzurudern, und 1980 die DDR verlassen. Das verbindet sie, von Anfang an.

Einordnung: Was bleibt von Domröse?

Die einfache Antwort: Paula. Der Film, die Figur, das Gesicht. Aber das wäre zu wenig.

Domröse hat in über 50 Produktionen mitgewirkt, bevor sie die DDR verließ. Sie hat Theaterstationen in zwei deutschen Staaten durchlaufen und dabei gezeigt, dass ihre Qualität nicht an eine politische Infrastruktur gebunden war. Die Kainz-Medaille 1988 ist dafür ein Beleg, der wenig Interpretationsspielraum lässt.

Was sie von anderen DDR-Schauspielerinnen ihrer Generation unterscheidet, ist die Konsequenz. Sie hat 1976 unterzeichnet, als der Nationalpreis noch nicht trocken war. Das ist keine strategische Entscheidung — das ist Haltung. Manche haben die Petition unterschrieben und sich danach still zurückgezogen. Domröse nicht. Sie hat bis zur Ausreise an ihrer Position festgehalten, auch als das System ihr demonstrierte, was das kosten würde.

Kult? Ja. Aber kein billiger. Die Verehrtheit, die Paul und Paula auslöst, trägt manchmal nostalgische Züge, die dem Film nicht gerecht werden — als wäre er ein Beweisstück für eine bessere DDR, die es so nie gab. Domröse selbst hat diesen Lesarten widersprochen. Der Film ist gut, weil Carow und Plenzdorf etwas Echtes erzählen wollten. Nicht weil die DDR es gewollt hätte.

Mehr über die Schauspielerinnen und Schauspieler, die das DEFA-Kino geprägt haben, in unserer Übersicht: Die unvergesslichen DEFA-Schauspieler.

Stefan Bodenschatz

Filmkritiker & Herausgeber

Filmkritiker aus Berlin-Tempelhof. Germanistik und Kulturwissenschaften, FU Berlin. Schreibt über DDR-Kino, DEFA und osteuropäisches Film seit zwanzig Jahren.