Gojko Mitic Filme — wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt diesen Namen. Und wer ihn kennt, hat ihn nicht vergessen. Der Serbe aus dem südlichen Jugoslawien wurde zum unwahrscheinlichsten Star des DDR-Kinos: ein Ausländer als Nationalheld, ein Jugoslawe als Gesicht des sozialistischen Kinos, ein Athlet als Schauspieler. Zwölf DEFA-Indianerfilme zwischen 1966 und 1983, Millionen Zuschauer in Ost und West — und nach der Wende noch eine zweite Karriere in Bad Segeberg als Winnetou-Nachfolger. Die Biografie von Gojko Mitic ist so ungewöhnlich, dass sie kaum jemand erfunden hätte.
Herkunft und Ausbildung: Vom Dorf in die Filmwelt
Gojko Mitic wurde am 13. Juni 1940 in Strojkovce bei Leskovac geboren, einem kleinen Dorf im südlichen Serbien, das damals noch zum Königreich Jugoslawien gehörte. Seine Familie war Bauernfamilie — keine Theaterdynastie, keine Verbindungen zur Filmbranche. Den Weg nach oben öffnete der Sport.
Mitic besuchte ein Sportgymnasium in Belgrad und absolvierte ein Sportstudium, das ihn ursprünglich in Richtung Lehramt führen sollte. Turnen, Reiten, Fechten, Wasserspringen — der junge Mitic beherrschte ein Spektrum, das ihn für die Filmproduktion geradezu prädestinierte. Ab 1961 arbeitete er als Stuntman bei italienischen und britischen Produktionen, die in Jugoslawien drehten. Das Land bot günstige Drehorte und eine gut ausgebildete Filminfrastruktur. Mitic lieferte die körperlichen Leistungen, die andere nicht liefern konnten.
1966 dann der Sprung. Die DEFA war auf der Suche nach einem Hauptdarsteller für ihren ersten großen Indianerfilm. Sie fanden ihn nicht in der DDR, nicht in der Sowjetunion — sie fanden ihn in Belgrad. Mitic sprach kein Deutsch, kannte die DDR kaum. Es zählte, was er konnte: reiten, klettern, fallen, kämpfen. Und wie er aussah.
Der Durchbruch: Die Söhne der großen Bärin (1966)
Die Söhne der großen Bärin. 1966. Regie: Josef Mach. Mitic spielte Tokei-ihto, den Häuptling der Lakota — seine erste Hauptrolle bei der DEFA. Der Film war kein Testballon, sondern ein Statement.
Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen. In der DDR sahen 9,4 Millionen Menschen den Film in den Kinos. In der Sowjetunion waren es 29,1 Millionen. Zahlen, die deutlich machen, wie groß die Nachfrage nach einem eigenen Gegenentwurf zum Hollywood-Western war. In Karl Mays Büchern und den Westdeutschen Winnetou-Filmen mit Pierre Brice war der Indianer edel, aber letztlich passiv, Begleiter des weißen Helden. Bei Mitic war der Indianer der Held selbst — kein Sidekick, kein Exot, kein Opfer. Ein Anführer.
Die ideologische Rahmung war dabei unübersehbar, auch wenn die DEFA sie selten plump einsetzte: Die indigene Bevölkerung Nordamerikas als Unterdrückte, die gegen imperialistische Expansion kämpfen — das passte exakt zum antiimperialistischen Selbstbild der DDR. Mitic selbst hat diesen Zusammenhang immer nüchtern kommentiert: Er spielte einen Charakter, keine Partei.
„Ich habe nicht für die DDR gespielt. Ich habe für die Figur gespielt.“
— Gojko Mitic in einem Zeitzeugengespräch (DEFA-Stiftung, 2003)
Ich erinnere mich an den Moment, als ich als Kind zum ersten Mal einen dieser Filme im Abendprogramm sah — es war Chingachgook, und ich hatte keine Ahnung, dass der Mann auf dem Pferd Jugoslawe war und in einer Filmstudio-Allianz zwischen Ost-Berlin und Belgrad entstanden war. Es wirkte einfach echt. Genau das war Mitics größte Leistung.
Die komplette DEFA-Indianer-Filmografie
Zwischen 1966 und 1983 spielte Gojko Mitic in zwölf DEFA-Indianerfilmen die Hauptrolle. Jede Produktion hatte ein eigenes historisches oder literarisches Vorbild, jede eine andere indigene Nation als Bezugspunkt. Das war kein Zufall: Die DEFA wollte kein serialisiertes Franchise bauen, sondern ein breites Panorama nordamerikanischer Geschichte erzählen — mit Mitic als Gesicht, aber mit wechselnden Figuren.
| Jahr | Filmtitel | Figur / Volk | Regisseur |
|---|---|---|---|
| 1966 | Die Söhne der großen Bärin | Tokei-ihto (Lakota) | Josef Mach |
| 1967 | Chingachgook, die große Schlange | Chingachgook (Mohikaner) | Richard Groschopp |
| 1968 | Spur des Falken | Weitspähender Falke (Dakota) | Gottfried Kolditz |
| 1969 | Weiße Wölfe | Weitspähender Falke (Dakota) | Konrad Petzold |
| 1970 | Tödlicher Irrtum | Shave Head (Shoshone) | Konrad Petzold |
| 1971 | Osceola | Osceola (Seminole) | Konrad Petzold |
| 1972 | Tecumseh | Tecumseh (Shawnee) | Hans Kratzert |
| 1973 | Apachen | Ulzana (Apache) | Gottfried Kolditz |
| 1974 | Ulzana | Ulzana (Apache) | Gottfried Kolditz |
| 1975 | Blutsbrüder | Harmonika (gemischt) | Werner W. Wallroth |
| 1978 | Severino | Severino | Celino Bleiweiß |
| 1983 | Der Scout | Harter Felsen (Sioux) | Konrad Petzold |
Chingachgook (1967) ist für viele Cineasten der beste Film der Reihe — und das zu Recht. Die Vorlage von James Fenimore Cooper (Der letzte Mohikaner) gab dem Film eine literarische Tiefe, die sich nicht auf Actionszenen reduzieren ließ. Mitic spielte den Mohikaner nicht als Krieger, sondern als jemanden, der ein Volk sterben sieht. Das war schwerer zu spielen als jeder Stuntritt.
Tecumseh (1972) und Ulzana (1974) sind die politisch pointiertesten Arbeiten der Reihe. Tecumseh, der historische Shawnee-Anführer, der eine indigene Konföderation gegen die US-Expansion aufbauen wollte — das war eine Figur, die im Kalten Krieg nicht zufällig gewählt wurde. Ulzana hingegen war kein Held der großen Geste, sondern ein Guerilla, hart und unnachgiebig. Beide Filme haben heute noch eine Qualität, die über ihre Entstehungszeit hinausgeht.
Der letzte Indianerfilm, Der Scout (1983), markierte einen Abschluss — sowohl für Mitic als auch für die DEFA-Reihe. Kult. Legende. Und dann: Stille.
Der Vergleich mit Pierre Brice und den westdeutschen Winnetou-Filmen
Den Vergleich gibt es seit den 1960er Jahren, und er ist unvermeidlich. Pierre Brice als Winnetou in den Karl-May-Verfilmungen der Rialto Film (1962–1968), Gojko Mitic als DEFA-Indianerheld. Zwei Parallelwelten des westlichen wie östlichen Kinos, die denselben Mythos auf gegensätzliche Weise bedienten.
Pierre Brice — Franzose, Hauptrolle im bundesdeutschen Genrekino, Winnetou als edler Wilder an der Seite des deutschen Abenteurers Old Shatterhand. Gojko Mitic — Serbe, Hauptrolle im DDR-Kino, Indianer als historische Widerstandsfigur ohne weißen Begleiter. Das ist keine Kleinigkeit. Die strukturelle Entscheidung, den indigenen Charakter als alleinigen Protagonisten zu setzen, verändert alles.
Besser? Schlechter? Das ist die falsche Frage. Beide Serien operierten mit Stereotypen, beide waren historisch vereinfachend, beide boten ihrem Publikum das Bild des Indianers, das dieses Publikum sehen wollte. Was Mitic auszeichnete, war die körperliche Glaubwürdigkeit. Er performte die Figuren nicht — er war sie, zumindest körperlich. Das machte den Unterschied. Pierre Brice war eine Kunstfigur aus dem Atelier. Mitic war ein Athlet, der seine eigenen Stunts ritt.
Im DEFA-Indianerfilm-Artikel zur Reihe insgesamt gehen wir auf diesen Vergleich noch detaillierter ein: Produktionsbedingungen, Drehbuchphilosophien, Publikumsresonanz.
Popularität im Ostblock: Zahlen und Bedeutung
29,1 Millionen Zuschauer in der Sowjetunion allein für die Söhne der großen Bärin — diese Zahl sagt alles. Gojko Mitic war kein DDR-Star. Er war ein Phänomen des gesamten Ostblocks.
In Bulgarien, Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien liefen die DEFA-Indianerfilme mit vergleichbarem Erfolg. Die Dreharbeiten fanden oft in diesen Ländern statt — Rumänien und die Slowakei lieferten Landschaften, die Nordamerika glaubwürdig imitierten. Das war keine Notlösung, sondern Teil eines produktiven Netzwerks zwischen den Filmstudios des Ostblocks. Gojko Mitic war damit auch ein Symbol für eine Zusammenarbeit jenseits nationaler Grenzen — unbeabsichtigt, aber wirkungsvoll.
Die antiimperialistische Lesart der Filme war in diesen Ländern überall präsent, aber das erklärt den Erfolg nicht allein. Kinder sahen keine Ideologie — sie sahen einen Mann, der rein, aufrecht und unbesiegbar wirkte. Das funktioniert ohne Propagandaapparat.
Auf den Seiten zu den unvergesslichen DEFA-Schauspielern ist Mitic einer der meistgesuchten Namen — was zeigt, dass seine Wirkung bis heute anhält, auch bei Generationen, die den Originalkontext nicht mehr erlebt haben.
Nach 1990: Karl-May-Festspiele und neue Rollen
Die Wende 1989, die Auflösung der DEFA 1992 — für viele DDR-Filmschaffende bedeutete das das Ende. Für Gojko Mitic war es der Beginn einer zweiten Karriere. Und die begann ausgerechnet in Bad Segeberg.
Ab 1992 spielte Mitic bei den Karl-May-Festspielen Winnetou — als Nachfolger von Pierre Brice, der die Rolle seit 1962 verkörpert hatte. Das war eine Ironie mit System: Der DEFA-Gegenentwurf zu Winnetou übernahm jetzt die Rolle selbst. Mitic spielte Winnetou 15 Sommer lang, insgesamt 1.024 Aufführungen. Am 10. September 2006 gab er seine letzte Vorstellung — er spielte Winnetou III, den sterbenden Winnetou. Ein symbolisch passendes Ende.
Damit war Bad Segeberg aber nicht abgeschlossen. Sieben Jahre später kehrte Mitic zurück — diesmal als Intschu-tschuna, Winnetous Vater. Die Rolle hatte er auch 2016 in der TV-Mehrteiler-Produktion Winnetou — Der Mythos lebt inne.
Parallel dazu arbeitete Mitic auf anderen Bühnen: Von 2007 bis 2009 spielte er Häuptling Bromden in einer Bühnenfassung von Einer flog über das Kuckucksnest am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. 2009 übernahm er dort die Hauptrolle in einem Alexis-Sorbas-Musical.
Dass Mitic nach 1990 nicht in der Versenkung verschwand, lag an seiner Anpassungsfähigkeit — und daran, dass er nie nur DDR-Star war. Er war ein Schauspieler, der in einem System groß geworden war, das System aber überlebt hatte.
Einordnung: Unterschätzt oder überbewertet?
Die Frage stellt sich wirklich. Gojko Mitic als DEFA-Ikone ist unbestreitbar — die Zahlen sprechen für sich, die Kulturgeschichte des DDR-Kinos kommt ohne ihn nicht aus. Als Schauspieler im engeren Sinn hatte er Grenzen. Seine Figuren waren selten komplex im psychologischen Sinne; sie waren würdig, stoisch, körperlich überlegen. Das reichte für das Genre, und er bediente es mit einer Glaubwürdigkeit, die kein anderer in der DDR hätte liefern können.
Unterschätzt wird er, wenn man ihn nur als Propagandainstrument liest. Der Erfolg seiner Filme über Ländergrenzen und Ideologiegrenzen hinaus — selbst in der Bundesrepublik wurden sie gelegentlich gezeigt und hatten Fans — zeigt, dass die Wirkung nicht von der Botschaft abhing. Die Athletik, die Ruhe, das Charisma: das war keine Funktion des Sozialismus. Das war Gojko Mitic.
Was bleibt? Zwölf Filme, die das Kino eines verschwundenen Staates repräsentieren. Ein Serbe, der zum Gesicht einer deutschen Filmtradition wurde. Und eine Figur — den Indianer als aufrechten Helden —, die heute politisch anders bewertet wird als 1966, aber damals etwas in Gang gesetzt hat, das nachwirkt.
Fazit: Eine Karriere, die keine Grenzen kannte
Gojko Mitic ist keine nostalgische Fußnote. Er ist ein Beweis dafür, dass Filmgeschichte sich nicht nach politischen Systemen aufteilen lässt. Die DEFA-Indianerfilme sind Teil der deutschen Filmgeschichte — nicht nur der DDR-Geschichte. Und Mitic ist ihr untrennbares Gesicht.
Wer seine Filme heute sieht — auf Blu-ray sind alle zwölf DEFA-Indianerfilme als Gesamtedition erhältlich — begegnet nicht nur einem Schauspieler aus vergangener Zeit. Man begegnet einem Phänomen: einem jugoslawischen Athleten, der in Osteuropa zum größten Filmstar seiner Generation wurde, und nach 1990 in Bad Segeberg demonstrierte, dass er mehr war als sein Kontext.
Erkundet weitere Karrieren des DDR-Films in unserer Übersicht der unvergesslichen DEFA-Schauspieler — von Armin Mueller-Stahl bis Manfred Krug, von Annekathrin Bürger bis Renate Blume.