Die DEFA war kein Hollywood. Kein Star-System, keine Publicity-Maschinerie, keine Agenten, die Verträge aushandelten. Und trotzdem — oder vielleicht genau deswegen — entstanden Gesichter, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Gesichter, die für ein ganzes System standen: manchmal gegen ihren Willen, manchmal aus Überzeugung, manchmal weil es einfach keine andere Option gab.
Dieser Artikel porträtiert die wichtigsten DEFA-Schauspieler — und schaut, was nach 1990 aus ihnen wurde. Denn das ist die eigentliche Geschichte. Nicht das DDR-Kino als geschlossenes System, sondern die Lebensläufe, die sich fortsetzten, abbogen, zerbrachen oder neu erfanden. Wendebiografien, die selten erzählt werden.
Ich habe meine erste Begegnung mit dem DEFA-Kino in einem Seminar an der FU Berlin — das muss 1993 gewesen sein. Der Dozent zeigte „Spur der Steine“ auf einer ausgewaschenen VHS-Kopie. Frank Beyer. Manfred Krug. Danach herrschte Stille im Seminarraum. Nicht wegen der Filmqualität. Wegen dem, was dieser Film bedeutete: verboten, vergessen, wiederentdeckt. Das ist DEFA in drei Wörtern.
Männliche Stars: Die Gesichter der DEFA
Drei Fakten vorweg: Das DEFA-Ensemble umfasste in seinen produktivsten Jahren über 200 fest angestellte Schauspieler. Die jährliche Produktion lag bei rund 20 Kinospielfilmen plus mehreren Dutzend Fernsehproduktionen. Und — die meisten dieser Schauspieler wurden für ihre Rollen nicht besonders gut bezahlt. Staatsgehalt, kein Verhandlungsspielraum, keine Agenten. Reine Bitterfelder-Weg-Logik: Kunst als gesellschaftlicher Auftrag, nicht als Marktprodukt.
Manfred Krug (1937–2016)
Geboren am 8. Februar 1937 in Duisburg, aufgewachsen in der DDR. Bevor Krug Schauspieler wurde, arbeitete er in einem Stahlwerk — eine Biografie, die die DEFA hätte erfinden können, es aber nicht musste. Sein Aufstieg war steil: Innerhalb weniger Jahre avancierte er zum populärsten Schauspieler der DDR, bekannt für seine Leinwand-Präsenz und sein Charisma, das jede Regie-Vorgabe überstrahlte.
1966 spielte er die Hauptrolle in Frank Beyers „Spur der Steine“ — einem Film, der die Widersprüche des Sozialismus schonungslos zeigte. Verboten. Nach drei Tagen aus den Kinos genommen. Erst 1989, kurz vor dem Mauerfall, wurde der Film wieder zugelassen. Das ist kein Randdetail, das ist das Kern-Paradox der DEFA: Die besten Filme wurden oft gleichzeitig produziert und unterdrückt. Das Staatsschauspiel als Kontrollinstanz und als Künstlerwerkstatt in einem.
Als Krug 1976 den Protest gegen die Ausbürgerung von Liedermacher Wolf Biermann unterschrieb, war seine DDR-Karriere faktisch beendet. Berufsverbot. Sein Name durfte nicht mehr öffentlich genannt werden. Am 20. April 1977 beantragte er die Ausreise. Im Juni desselben Jahres verließ er die DDR — nach Schöneberg, West-Berlin.
Was folgte, war kein reibungsloser Neuanfang. Die bundesdeutsche Filmwelt nahm ihn nicht mit offenen Armen auf; er musste sich von Grund auf neu beweisen. Das gelang mit der Fernsehserie „Auf Achse“ (ab 1978) und dann — endgültig — mit dem Tatort. Von 1984 bis 2001 spielte Krug den Hamburger Kommissar Paul Stoever. 34 Episoden. Dazu „Liebling Kreuzberg“ ab 1986, eine der erfolgreichsten deutschen Serien der Achtziger. Krug war im Westen angekommen. Aber der Preis war hoch — das zeigt sein 2003 erschienenes Buch „Abgehauen“, das die Zerrissenheit dieser Biografie nicht beschönigt.
Mehr dazu im ausführlichen Porträt: Manfred Krug: Vom DEFA-Star zum Tatort-Kommissar.
Armin Mueller-Stahl (*1930)
Jahrgang 1930, aufgewachsen in Tilsit (heute Sowjetsk, Russland). Mueller-Stahl gehört zur ältesten noch aktiven Generation der DEFA-Stars — mit 41 Filmen für die DEFA eine beeindruckende Zahl, die den Umfang seines ostdeutschen Schaffens belegt. Er spielte Helden, Schurken, Intellektuelle, Brigadearbeiter. Das gesamte DEFA-Typarium.
Auch er unterschrieb 1976 den Biermann-Brief. Auch er bekam Berufsverbot. 1980 emigrierte er mit seiner Frau Gabriele Scholz und seinem Sohn Christian in die Bundesrepublik. Die Zeit zwischen Verbot und Ausreise nutzte er produktiv — er schrieb seine Autobiografie „Verordneter Sonntag“. Schreiben als Überlebensstrategie, als Dokumentation eines Lebens im Ausnahmezustand.
Was Mueller-Stahl von seinen DEFA-Kollegen unterscheidet: Er schaffte den Sprung nach Hollywood. Richtig. Vollständig. 1990 spielte er in „Music Box — The Whole Truth“ einen Nazi-Kriegsverbrecher — eine Rolle, die ihm in Europa mit Misstrauen begegnet wurde, die ihm aber international Respekt einbrachte. Die Oscar-Nominierung für „Shine“ (1996, Regie: Scott Hicks), die Rolle in David Cronenbergs „Eastern Promises“ (2007) — das ist eine Filmkarriere, um die ihn viele Hollywood-Profis beneiden würden. Mueller-Stahl malt außerdem professionell, mehrere Galerieausstellungen. Ein zweites künstlerisches Leben parallel zur Filmkarriere.
Ausführlich: Armin Mueller-Stahl: DDR-Exile und der Weg nach Hollywood.
Gojko Mitic (*1940)
Der Sonderfall unter den DEFA-Stars. Mitic wurde am 13. Juni 1940 in Strojkovce bei Leskovac im heutigen Serbien geboren — er war kein DDR-Bürger, sondern ein jugoslawischer Schauspieler, der für die DEFA arbeitete. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die in der Erinnerungskultur oft verwischt wird. Er hatte kein Berufsverbot zu befürchten, er konnte die DEFA verlassen, wenn er wollte. Er blieb trotzdem.
Ab 1963 arbeitete er zunächst als Stuntman in westeuropäischen Produktionen, 1963 dann eine kleine Rolle in Karl Mays „Old Shatterhand“. 1966 folgte seine erste DEFA-Hauptrolle: „Die Söhne der großen Bärin“. Damit begann ein Phänomen. Bis 1975 drehte Mitic jährlich einen Indianerfilm für die DEFA — Tokei-ihto, Chingachgook, Osceola, Tecumseh, Ulzana, Blutsbrüder. Er verkörperte den edlen, kämpferischen Indianer und führte alle eigenen Stunts aus. Das DDR-Publikum liebte ihn bedingungslos.
Der ideologische Subtext war nicht zufällig: Der kapitalistische Siedler als Bösewicht, der Indianer als sozialistisch codierter Widerstandskämpfer. Mitic selbst hat sich zu dieser Lesart immer nüchtern geäußert — er spielte gute Rollen, kein Manifest. Nach 1990 arbeitete er an den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg, ab 2000 auch als Regisseur. 2019 erhielt er den Lifetime Achievement Award der DEFA-Stiftung. Alle Details: DEFA-Indianerfilme und Gojko Mitic: Der Indianerheld der DEFA.
Henry Hübchen (*1947)
Berlin, 1947. Hübchen absolvierte die Schauspielschule Berlin-Schöneweide und debütierte 1966 ebenfalls im ersten DEFA-Indianerfilm — als Nebendarsteller neben Mitic in „Die Söhne der großen Bärin“. Seine eigentliche DEFA-Prägung kam durch Frank Beyers „Jakob der Lügner“ (1974): Hübchen spielte den jungen Juden Mischa. Der Film wurde für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert — der einzige DEFA-Film, dem das jemals gelang. 49. Academy Awards, 1977.
Seit 1974 gehörte Hübchen zum Ensemble der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz — Brecht, Williams, Strindberg. Das prägte ihn stärker als jede Filmrolle. Nach der Wende blieb er in Deutschland. Und wurde zur Kino-Instanz. „Sonnenallee“ (1999, Leander Haußmann), „Alles auf Zucker!“ (2004, Dani Levy) — für die Tragikomödie über einen jüdischen Billardspieler in Ostberlin gewann er 2005 den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller. Hübchen ist einer der wenigen DEFA-Veteranen, die im Gesamtdeutschen Kino wirklich ankamen, ohne ihre Vergangenheit zu verleugnen.
Erwin Geschonneck (1906–2008)
Der Älteste dieser Generation — und der mit der vielleicht dramatischsten Biografie. Geschonneck wurde am 27. Dezember 1906 in Bartenstein, Ostpreußen geboren. KPD-Mitglied seit 1919. Nach 1933 Emigration, zuerst in die Sowjetunion, dann nach Prag. Mehrere Nazi-Konzentrationslager. Und 1945 gehörte er zu den wenigen Überlebenden der Versenkung der Cap Arcona durch die britische Royal Air Force — einem der schwersten Schiffsunglücke des Zweiten Weltkriegs, bei dem über 7.000 KZ-Häftlinge starben.
Wer diese Biografie kennt, versteht, warum Geschonnecks Auftreten in DEFA-Filmen eine besondere Schwere hatte. Er spielte keine Rollen in einem abstrakten Sinne — er trug Zeugenschaft mit sich. 1950 seine erste DEFA-Hauptrolle in „Das kalte Herz“. Es folgten „Nackt unter Wölfen“ (1963), „Karbid und Sauerampfer“ (1963), „Jakob der Lügner“ (1974). Über 100 Kino- und Fernsehproduktionen im Laufe eines langen Lebens. Er starb am 12. März 2008 — 101 Jahre alt. Kein Berufsverbot, keine Ausreise. Er blieb in der DDR, bis es sie nicht mehr gab. Das macht seine Geschichte weniger dramatisch erzählbar, aber nicht weniger bedeutsam.
Hilmar Thate (1931–2016)
Hilmar Thate, geboren am 17. April 1931, gehört zur Kategorie der DEFA-Schauspieler, die man kennt, ohne seinen Namen sofort zu wissen. Das ist — paradoxerweise — die Kategorie der wirklich guten Schauspieler. Berliner Ensemble, Brecht-Rollen, Konrad-Wolf-Filme. Am Berliner Ensemble spielte er 1959 den Givola in Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, 1967 den Galy Gay in „Mann ist Mann“ — wofür er zum Schauspieler des Jahres gewählt wurde.
„Der geteilte Himmel“ (1964) war die Rolle, die ihn in die erste Reihe der DDR-Schauspieler brachte. Konrad Wolfs Verfilmung des Christa-Wolf-Romans behandelte Republikflucht so direkt, dass die DEFA-Zensoren geschluckt haben dürften. 1976 unterschrieb Thate den Biermann-Protest. Berufsverbot. 1980 verließ er die DDR — gemeinsam mit seiner Frau Angelica Domröse. Im Westen: Theater in Berlin, München, Wien. Rainer Werner Fassbinder. Volker Schlöndorff. Und dann Dieter Wedels Mehrteiler „Der König von St. Pauli“ — der Durchbruch im gesamtdeutschen Fernsehen. Thate starb am 14. September 2016.
Weibliche Stars: Die Schauspielerinnen der DEFA
Die DEFA beschäftigte — zumindest in der programmatischen Selbstdarstellung — mehr Schauspielerinnen in Hauptrollen als das zeitgenössische westdeutsche Kino. Frauenbilder wurden emanzipatorisch gedacht: arbeitende Frauen, selbstständige Frauen, Frauen mit inneren Konflikten. Drei Fakten: „Solo Sunny“ (1980) gewann den Silbernen Bär für die weibliche Hauptdarstellerin — als erster Berlinale-Award für eine ostdeutsche Produktion überhaupt. „Die Legende von Paul und Paula“ (1973) war der meistbesuchte DDR-Film seiner Zeit. Und: Als Schauspielerinnen den Biermann-Brief unterzeichneten, traf das Berufsverbot sie genauso hart wie ihre männlichen Kollegen.
Angelica Domröse (*1941)
1973. Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ kam in die DDR-Kinos. Domröse spielte Paula — eine alleinerziehende Mutter aus Prenzlauer Berg, die ihre Liebe über alles stellt, auch über ihr eigenes Leben. Der Film wurde zum größten DDR-Kinoerfolg seiner Zeit. Und Domröse zur Ikone einer Generation.
Was viele vergessen: Der Film wurde zunächst abgelehnt. Zu individualistisch, zu wenig kollektivistisch — so die Begründung des Kulturministeriums. Die Puhdys schrieben die Musik, „Geh zu ihr“ wurde zum inoffiziellen DDR-Liebeslied. Erst nach Interventionen, unter anderem von Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann persönlich beim ZK, wurde der Film doch freigegeben. Und dann lief er jahrelang, Ausverkauf um Ausverkauf.
1976 unterschrieb Domröse den Biermann-Brief. Mit ihrem Mann Hilmar Thate verließ sie 1980 die DDR. Danach verschwand „Die Legende von Paul und Paula“ aus dem DDR-Fernsehen — Dissident-Löschung, Standardmethode. Domröse arbeitete im westdeutschen Theater und Fernsehen weiter, blieb aber nie wieder so omnipräsent wie als Paula. 2021 wurde sie 80 — und die Berliner Zeitung titelte: „Für immer Paula“. Das ist kein Zufall, das ist ein Vermächtnis. Vollständiges Porträt: Angelica Domröse: Leben zwischen DDR, Ausreise und Bühne.
Renate Krößner (1945–2020)
Ungerecht. Das ist das erste Wort, das mir einfällt, wenn ich an Renate Krößners Karriere nach „Solo Sunny“ denke.
1980 drehte Konrad Wolf — gemeinsam mit Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase — „Solo Sunny“. Krößner spielte die Titelrolle: eine Fabrikarbeiterin aus Prenzlauer Berg, die als Sängerin in einer mittelmäßigen Reisekapelle davon träumt, wirklich Künstlerin zu sein. Nicht Staatskünstlerin. Nicht Ensemble-Schauspielerin. Einfach sie selbst. Der Film war so präzise, dass er beim 30. Berliner Filmfestival mit dem Silbernen Bären für die beste Darstellerin ausgezeichnet wurde — das erste Berlinale-Award überhaupt für eine ostdeutsche Produktion. Krößner konnte den Preis persönlich entgegennehmen, weil Regisseur Konrad Wolf — Präsident der Akademie der Künste der DDR — die nötigen Genehmigungen durchsetzte.
Was nach 1990 kam, war weniger spektakulär. Krößner arbeitete weiter — Theater, Fernsehen, kleinere Kinorollen. Aber den Durchbruch zur gesamtdeutschen Filmkarriere schaffte sie nicht. Warum? „Solo Sunny“ war zu sehr DDR, zu sehr Prenzlauer Berg, zu sehr ein Bild einer Welt, die es nicht mehr gab. Oder: der Filmmarkt hatte schlicht kein Interesse. Beides dürfte stimmen. Renate Krößner starb am 19. Oktober 2020 im Alter von 75 Jahren. Der Silberne Bär bleibt der Maßstab ihrer Leistung.
Annekathrin Bürger (*1937)
Geboren am 3. April 1937 in Berlin-Charlottenburg. Bürger debütierte 1956 in „Eine Berliner Romanze“ und etablierte sich in den Folgejahren als feste Größe des DDR-Kinos. „Verwirrung der Liebe“ (1959), „Tecumseh“ (1972, als Indianerin an Gojko Mitics Seite), „Hostess“ (1976). Ein breites Spektrum — Liebesfilm, Abenteuer, Gegenwartsfilm.
Auch Bürger unterzeichnete 1976 den Biermann-Protest. Sie blieb nach 1990 in Deutschland, arbeitete weiter im Theater und Fernsehen und mied die große Geste. Keine Ausreise, kein Hollywood. Eine Karriere, die sich über mehrere Jahrzehnte ohne eine einzige große Zäsur erstreckte. Das ist, in seiner eigenen Art, auch eine Form von Beständigkeit.
Jutta Hoffmann (*1941)
Hoffmann studierte 1959 bis 1962 an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg. Ihre wichtigsten DEFA-Arbeiten entstanden in Zusammenarbeit mit Regisseur Egon Günther: „Der Dritte“ (1971), „Die Schlüssel“ (1974), „Lotte in Weimar“ (1975). Dazu Frank Beyers „Spur der Steine“ (1966) — der verbotene Krug-Film, in dem sie als Jutta eine zentrale Nebenrolle spielte.
International wurde sie als eine der besten DDR-Schauspielerinnen ihrer Generation wahrgenommen. Kritiker-Auszeichnung als beste Schauspielerin der DDR. Nach der Wende: Fernseharbeit, Bühne, gelegentliche Kinoauftritte. Keine spektakuläre Transformation, aber eine Kontinuität, die für sich selbst spricht. Hoffmann ist eine der Schauspielerinnen, die unterschätzt bleiben, weil sie nicht ausgewandert ist und keine Westerfolgs-Geschichte bietet.
Katharina Thalbach (*1954)
Thalbach ist ein Sonderfall — und das im besten Sinne. Geboren 1954 in eine Theater-Familie: ihre Mutter Sabine Thalbach Schauspielerin am Berliner Ensemble, ihr Vater Benno Besson Regisseur. Sie wuchs buchstäblich im Theater auf, Proben und Premieren als Kindheitskulisse.
Ihre DEFA-Jahre waren kurz aber intensiv: Konrad Wolf besetzte sie in „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, Egon Günther gab ihr die Hauptrolle in „Die Leiden des jungen Werthers“ (1976). Dann, im Dezember 1976, verließ sie — wie so viele nach dem Biermann-Protest — die DDR. Mit Thomas Brasch und ihrer Tochter Anna. Keine Ausreise als bürokratischer Akt — eine Entscheidung, die alles veränderte.
Im Westen wurde sie zur Bühnen-Instanz. Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“ (1979) brachte ihr internationale Bekanntheit. Für „Käthchen von Heilbronn“ wurde sie 1980 von „Theater heute“ zur Darstellerin des Jahres gewählt. Jahrzehnte Theaterarbeit in Berlin, München, Wien. Thalbach ist heute eine der profiliertesten deutschsprachigen Schauspielerinnen — die DEFA-Jahre sind der Ursprung, nicht die Grenze.
Corinna Harfouch (*1954)
Harfouch, geboren am 16. Oktober 1954 in Suhl, gehört zu den wenigen DDR-Schauspielerinnen, die nach 1990 wirklich im Zentrum des deutschen Kinos landeten. Nicht am Rand, nicht in Nebenrollen.
Ihre DEFA-Jahre: „Fallada — Letztes Kapitel“ (1987), „Die Schauspielerin“ (1988), „Der Tangospieler“ (1992, eine der letzten großen DEFA-Produktionen vor der Auflösung). Alle Hauptrollen bei Regisseur Roland Gräf. Alle von Gewicht. Nach der Wende: „Charlie & Louise“ (1994), „Knockin‘ on Heaven’s Door“ (1997), Tom Tykwer, Andreas Dresen, Margarethe von Trotta. Über 30 nationale und internationale Auszeichnungen. Seit 2010 ein eigener Stern auf dem Berliner Boulevard of Stars am Potsdamer Platz.
Harfouch ist das beste Argument dafür, dass man keine Ausreise und keinen Westen-Kontakt brauchte, um nach 1990 eine gesamtdeutsche Filmkarriere aufzubauen. Man brauchte Können, Disziplin und die Bereitschaft, sich neu zu erfinden — ohne die DEFA zu verleugnen.
Regisseure als Schauspieler — und umgekehrt
Ein besonderes Phänomen der DEFA: Regisseure, die auch vor der Kamera standen. In Hollywood undenkbar — zu strikte Rollentrennung. In der DDR dagegen normale Praxis. Drei Fakten dazu: Das DEFA-Ensemble förderte die Übernahme mehrerer Funktionen durch dieselbe Person. Der Bitterfelder Weg — Kunst soll aus dem Leben kommen — zog konzeptionell keine harte Grenze zwischen Autor, Regisseur und Darsteller. Und: Konrad Wolf, der bedeutendste DEFA-Regisseur, war ab 1965 Präsident der Akademie der Künste der DDR — ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1982 innehatte.
Frank Beyer (1932–2006)
Beyer ist primär als Regisseur bekannt — „Spur der Steine“ (1966), „Nackt unter Wölfen“ (1963), „Jakob der Lügner“ (1974). „Jakob der Lügner“ gewann 1975 den Silbernen Bären bei der Berlinale und wurde als einziger DEFA-Film für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert (49. Academy Awards, 1977). Das ist Filmgeschichte. Beyer verstand Schauspiel von innen heraus — sein Umgang mit Darstellern war legendär präzise.
Nach seinem eigenen Berufsverbot 1966 — auch Regisseure bekamen Berufsverbote, auch das muss gesagt werden — kehrte er mit „Jakob der Lügner“ zurück. Nach der Wende drehte Beyer weiter, zuletzt „Abgehauen“ (1998) — eine Verfilmung von Manfred Krugs gleichnamigem Buch. Die beiden alten DEFA-Gefährten, wieder zusammen. Beyer starb 2006.
Winfried Glatzeder (*1945) — Pauls Wendegeschichte
Paul. In „Die Legende von Paul und Paula“ (1973) spielte Glatzeder die männliche Hauptrolle — Domröses Gegenpart, die zweite Hälfte dieser unmöglichen Liebesgeschichte. Der Film machte ihn zum Star. Danach wurde es komplizierter.
Glatzeder unterzeichnete den Biermann-Brief nicht. Blieb länger in der DDR als viele seiner Kollegen. Erst 1982 reiste er aus. Im Westen: Fernseharbeit, Nebenrollen, aber nie wieder die Präsenz von 1973. Das ist keine Kritik — das ist Filmgeschichte. Manchmal ist eine Rolle das Wichtigste, was jemand je gespielt hat. Für Glatzeder war es Paul.
Post-DDR-Karrieren: Was nach der Wende kam
1990. Die DDR hörte auf zu existieren. Und mit ihr: die DEFA, das Studio Babelsberg als staatliches Filmunternehmen, die strukturierten Ensembles, die garantierten Verträge. Über Nacht standen Hunderte von Schauspielerinnen und Schauspielern vor einem freien Markt, den sie nie kennengelernt hatten. Kein Staatsgehalt. Keine festen Besetzungen. Auditionen, Agenten, Konkurrenz.
Vier strukturelle Fakten zur Wendebiografie der DEFA-Schauspieler: Erstens — wer vor 1989 in den Westen emigriert war, hatte einen Vorteil: Markterfahrung. Zweitens — die westdeutschen Produktionsfirmen hatten wenig organisches Interesse an DDR-Biografien außerhalb von Ostalgie-Projekten. Drittens — die Institutionen des DDR-Theaters (Berliner Ensemble, Volksbühne, Deutsches Theater, Maxim Gorki Theater) überlebten die Wende und boten vielen DEFA-Schauspielern einen institutionellen Anker. Viertens — der Durchbruch im gesamtdeutschen Kino gelang fast nur denjenigen, die sich inhaltlich neu erfanden, ohne die DDR-Vergangenheit als Last zu behandeln.
Erfolgreiche Übergänge
Armin Mueller-Stahl ist das spektakulärste Beispiel — Hollywood, Oscar-Nominierung für „Shine“ (1996), internationales Profil, „Eastern Promises“ (2007). Corinna Harfouch ist das stärkste Argument dafür, dass man auch ohne Ausreise und ohne Westen-Kontakte eine gesamtdeutsche Karriere aufbauen konnte. Henry Hübchen ist das Beispiel für den erfolgreichen Wechsel vom Ensemble-Schauspieler zum Kino-Protagonisten — Deutschen Filmpreis 2005 für „Alles auf Zucker!“. Katharina Thalbach: Bühnen-Kontinuität auf höchstem Niveau, von der Volksbühne 1970 bis heute.
Die schwereren Übergänge
Renate Krößner. Winfried Glatzeder. Viele, die heute kaum noch erinnert werden. Das DEFA-System hatte Schauspieler ausgebildet und geformt, die für ein spezifisches Kino sozialisiert wurden — ein Kino, das es nach 1990 nicht mehr gab. Die Fernsehkrimis und Vorabend-Serien des westdeutschen Fernsehens absorbierten viele, aber ohne die filmische Substanz der DEFA-Produktion. Uwe Kockisch (*1944) etwa wurde als Commissario Guido Brunetti in der ARD-Reihe „Donna Leon“ zu einer Fernsehinstanz — eine solide Karriere, die auf DEFA-Handwerk basiert, aber den Vergleich mit Mueller-Stahls Weg nicht kennt und nicht braucht.
Was bleibt? Eine Generation von Schauspielerinnen und Schauspielern, die unter Bedingungen arbeitete, die wir uns heute kaum vorstellen können — staatliche Kontrolle, Berufsverbote, ideologische Vorgaben durch den Bitterfelder Weg, Emigrations-Druck. Und die trotzdem — oder vielleicht genau deshalb — Werke geschaffen hat, die sich als dauerhafter erweisen als viele Marktproduktionen derselben Epoche.
Die besten DEFA-Filme sind nicht trotz des Systems gut. Sie sind gut, weil Schauspieler und Regisseure im Rahmen dieses Systems mit Präzision und Ehrlichkeit gearbeitet haben. Das ist der Widerspruch, mit dem man beim DEFA-Kino leben muss — und der es bis heute interessant macht. Mehr zu den Werken selbst: Die besten DEFA-Filme aller Zeiten und Verbotene DEFA-Filme.
Wer tiefer in die Einzelschicksale einsteigen will: DEFA-Indianerfilme für die Gojko-Mitic-Saga und ihre politische Kodierung. Gojko Mitic: Der Indianerheld der DEFA für das vollständige Porträt. Und Die besten DEFA-Filme aller Zeiten für den filmischen Kontext, in dem diese Schauspieler ihr Bestes gegeben haben.
Die DEFA ist Geschichte. Aber ihre Schauspieler — die Überlebenden, die Emigrierten, die Gebliebenen, die Vergessenen und die Wiederentdeckten — sind Teil einer Geschichte, die noch nicht vollständig erzählt ist. Das ist kein nostalgisches Urteil. Das ist eine Bestandsaufnahme.