Manfred Krug DEFA — diese Kombination steht für eine der widersprüchlichsten Karrieren der deutschen Filmgeschichte. Ein Mann, geboren 1937 in Duisburg, aufgewachsen im Osten, geformt vom Sozialismus, geliebt von Millionen DDR-Zuschauern. Und dann, 1977, der Bruch. Die Ausreise. Der Neuanfang im Westen. Was folgte, war keine Niederlage — es war eine zweite Karriere, die der ersten in nichts nachstand.
Manfred Krug ist kein einfacher Fall. Kein Held ohne Widersprüche, kein Verräter ohne Gründe. Er ist ein Spiegel der deutsch-deutschen Geschichte — mit allem, was dazu gehört. Und wer ihn nur als Tatort-Kommissar Stoever kennt, verpasst die Hälfte seiner Geschichte.

Duisburg, Henningsdorf, Berlin: Eine ungewöhnliche Herkunft
Am 8. Februar 1937 wird Manfred Krug im westdeutschen Duisburg geboren. Sein Vater ist Ingenieur in einem Stahlwerk — eine Biografie, die eigentlich in den Ruhrpott führen müsste. Stattdessen zieht die Familie nach Kriegsende in den Osten. Henningsdorf bei Berlin, ein Industrieort nördlich der Stadtgrenze, wird seine neue Heimat. Krug ist 13 Jahre alt.
Er beginnt selbst als Stahlwerker zu arbeiten — eine kurze Episode, aber eine, die seine spätere Filmrolle als Arbeitertyp von innen heraus authentisch machte. Es war keine Inszenierung, es war Erfahrung. 1954 nimmt er sein Studium an der Staatlichen Schauspielschule Berlin auf, schließt am Berliner Ensemble ab. Brecht-Schule. Das prägt den Stil: konkret, physisch, ohne Sentimentalität.
Sein Filmdebüt gibt Krug 1957 in „Die Schönste“ — als Gitarrist, eine Nebenrolle. Drei Jahre später folgt der eigentliche Durchbruch: Frank Beyers Antikriegsfilm „Fünf Patronenhülsen“ (1960), gedreht im DEFA-Studio in Babelsberg. Krug spielt den Polen Oleg, einen von fünf Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, die sich durch faschistisch besetztes Gelände kämpfen. An seiner Seite: Erwin Geschonneck und ein junger Armin Müller-Stahl. Der Film macht ihn bekannt. Beyers Handschrift, Krugs Körperlichkeit — das passt zusammen. Eine Zusammenarbeit, die für die DEFA-Geschichte entscheidend werden sollte.
In den frühen Sechzigern festigt Krug seinen Ruf als einer der vielseitigsten DEFA-Schauspieler: „Auf der Sonnenseite“ (1962), „Beschreibung eines Sommers“ (1963), „Mir nach, Canaillen!“ (1964). Er spielt Arbeiter, Rebellen, Männer mit rauem Charme. Kein sozialistischer Musterknabe — eher ein unbequemer Held, der dennoch ins System passt. Vorerst. Parallel dazu entwickelt Krug eine zweite Karriere als Jazzsänger und Chansonsänger, die ihm bei DDR-Publikum enormen Zulauf beschert. Diese Doppelexistenz als Schauspieler und Musiker macht ihn zu einer Figur, die schwer einzuordnen ist — und die die Kulturbürokratie nie ganz kontrollieren konnte.
Spur der Steine: Das Meisterwerk, das verboten wurde
1966. Frank Beyer und Manfred Krug arbeiten erneut zusammen — diesmal für einen Film, der Filmgeschichte schreiben wird. Auf die falsche Art.
„Spur der Steine“, nach dem Roman von Erik Neutsch, ist Krugs vielleicht wichtigste DEFA-Rolle. Er spielt Hannes Balla, den Zimmermann und Brigadeleiter auf einer sozialistischen Großbaustelle — roh, kompetent, charismatisch. Ein Arbeiter, der das System täglich herausfordert, ohne es grundsätzlich ablehnen zu wollen. Der Film ist kein Antisozialismusdrama. Aber er zeigt die Partei nicht als proaktive Kraft des Fortschritts, sondern als bürokratisches Geflecht, das echte Arbeit behindert. Das wurde zum Problem.
Ich habe ihn das erste Mal 1990 gesehen, in einer Volkshochschule in Charlottenburg, mit Studenten aus meinem DDR-Filmseminar. Wir saßen still da, als der Abspann lief. Nicht wegen einer großen politischen Botschaft — sondern weil der Film einfach gut war. Besser als erwartet. Handwerklich makellos, erzählerisch präzise, Krug in einer Rolle, die ihn vollständig forderte. Zu gut für die DDR.
Nach gerade drei Tagen Kinobetrieb wird „Spur der Steine“ im Oktober 1966 aus den Kinos genommen. Verboten. Die SED-Führung befindet: Die Darstellung der Partei entspreche nicht dem sozialistischen Ideal. Der Film gehört zu den sogenannten Kaninchenfilmen des 11. Plenums des ZK der SED — einer Welle von Verboten, die 1965 begann und die ostdeutsche Filmkultur für Jahre lähmte. 23 Jahre Verbot — erst im November 1989, in den Wochen des Mauerfalls, wird der Film wieder öffentlich gezeigt. Zum Verbot und seiner Geschichte gibt es auf icestorm.de einen eigenen Artikel: Verbotene DEFA-Filme.
Krug arbeitet weiter. Doch das Verhältnis zur Kulturführung ist dauerhaft beschädigt. Er ist ein Star, den das System braucht — und dem es nicht traut. Diese Spannung hält ein Jahrzehnt. Dann bricht sie.
Biermann, Petition, Berufsverbot: Der Weg zur Ausreise
November 1976. Die DDR-Führung entzieht dem Liedermacher Wolf Biermann die Staatsbürgerschaft — während Biermann auf Konzertreise in der Bundesrepublik ist. Ein Paukenschlag. Und ein Moment, der für viele DDR-Kulturschaffende zur echten Zäsur wird.
Manfred Krug unterschreibt die Protestresolution. Er ist nicht allein — Schriftsteller, Regisseure, Schauspieler tun es ebenfalls. Aber die Konsequenzen sind drastisch und unmittelbar. Von 15 geplanten Konzerten werden neun ersatzlos gestrichen. Filmprojekte werden auf Eis gelegt. Eine fertig produzierte Schallplatte erscheint nicht. Die Stasi notiert alles.
Denn Krug steht schon länger unter intensiver Beobachtung. Inoffizielle Mitarbeiter berichten über seine Besucher, seine Äußerungen im privaten Kreis, seine Stimmung bei Konzertauftritten. Ein Informant — der Bildhauer Manfred Salow, Deckname „Salmann“ — spioniert ihn jahrelang aus und gesteht dies nach 1989 öffentlich im Tagesspiegel. Die Stasi-Unterlagen, heute im Bundesarchiv zugänglich, belegen: Die Behörde war über Krugs wachsende Ausreisepläne informiert, lange bevor er offiziell den Antrag stellte. Berichte vermerken, dass Krug im engsten Kreis seine Absicht geäußert habe, die DDR mit der Familie zu verlassen, falls sich seine Arbeitssituation weiter verschlechtere.
Am 19. April 1977 reicht Krug den Ausreiseantrag ein. Er begründet ihn ohne Umschweife: Biermanns Ausbürgerung sei ein Fehler gewesen, die fehlende Meinungsfreiheit mache künstlerische Arbeit unmöglich. Er zieht seine Unterschrift nicht zurück — obwohl er genau weiß, dass er damit jede Möglichkeit einer Rückkehr in den DDR-Kulturbetrieb verbaut. Im Juni 1977 wird der Antrag genehmigt. Am 20. Juni 1977 verlässt Manfred Krug mit seiner Familie die DDR. Ziel: Westberlin, Stadtteil Schöneberg.
War das die richtige Entscheidung? Krug selbst hat sie nie bereut — aber er hat sie auch nie als Heldenstory verkauft. Er hat das System nicht besiegt. Er hat es verlassen. Das ist ein Unterschied. Eine rationale Entscheidung in einem irrationalen System. Man darf das nicht romantisieren. Aber vorwerfen kann man es ihm auch nicht.
Der Westen: Auf Achse und Tatort Hamburg
Der Neustart im Westen hätte scheitern können. Für viele DDR-Schauspieler war der Sprung über die Grenze ein professioneller Absturz — das westdeutsche Publikum kannte sie nicht, das Rollenfach passte nicht, die Netzwerke fehlten vollständig. Bei Krug lief es anders. Schnell.
Bereits 1978 beginnt seine erste westdeutsche Serienproduktion: „Auf Achse“, eine ARD-Serie über Fernfahrer. Krug spielt Franz Meersdonk — unangepasst, pragmatisch, mit einer rauen Wärme unter der Oberfläche. Die Serie läuft bis 1996, wird zu einem der bekanntesten ARD-Erfolge der achtziger Jahre und macht Krug auch im Westen zum Publikumsliebling. Er ist kein DEFA-Relikt, das man als Kuriosum präsentiert — er ist ein Schauspieler, der funktioniert, weil er glaubwürdig ist.
1984 dann der nächste große Schritt: Tatort. ARD. Hamburg. Krug übernimmt die Rolle des Kommissars Paul Stoever. Die erste Folge, „Haie vor Helgoland“ (Tatort-Folge 157), läuft am 23. April 1984. Zunächst ermittelt Stoever allein. Aber schon in der dritten Folge kommt Kommissar Peter Brockmöller (Charles Brauer) dazu — ein Duo, das über Jahrzehnte zum Markenzeichen des Hamburger Tatort wird. Zwei Männer, verschiedene Typen, perfekt aufeinander abgestimmt. Stoever der Grübelnde, Brockmöller der Pragmatische. Oder umgekehrt, je nach Folge.
41 Tatort-Folgen entstehen mit Stoever und Brockmöller bis 2001. Das Duo ist menschlich, gelegentlich komisch, nie verkrampft. Weit entfernt vom DDR-Propagandafilm, aber auch weit entfernt vom deutschen Krimi-Klischee. Stoever ist Krug. Krug ist Stoever. Diese Verschmelzung von Schauspieler und Rolle gelingt selten so organisch. Für das westdeutsche Publikum war das der Manfred Krug. Für wer die DEFA-Geschichte kannte, war es nur eine Hälfte seiner Biografie.
1989 und danach: Die Wende als persönliche Bilanz
Als die Mauer fällt, ist Manfred Krug bereits seit zwölf Jahren im Westen. Was denkt jemand, der gegangen ist, wenn das System, das ihn vertrieb, kollabiert?
Krug kehrt nicht zurück — jedenfalls nicht als dauerhafter Bewohner. Er bleibt in Westberlin. Aber er verarbeitet den Riss öffentlich und ohne Schaum vor dem Mund: 1996 erscheint das Buch „Abgehauen“, eine Kombination aus Tagebucheintragungen und dem Mitschnitt einer Aussprache mit DDR-Kulturfunktionären unmittelbar vor der Ausreise. Krug dokumentiert die Wochen rund um die Biermann-Petition — die Gespräche in Hinterzimmern, die Ängste, die Abwägungen, die Entscheidungen. Das Buch ist kein triumphierendes Abrechnen. Es ist ein nüchternes Zeugnis.
1998 wird „Abgehauen“ verfilmt — Krug spricht selbst den Kommentar. Die Wiedervereinigung erlebt er als eine Art biographischen Abschluss. Nicht als nachträgliche Rechtfertigung seiner Ausreise — eher als Beendigung einer Frage, die er 1977 gestellt und für sich beantwortet hatte. Dass nun auch die DDR selbst die Antwort kannte, macht die Sache nicht einfacher, nur vollständiger.
In den neunziger Jahren gibt es auch die Telekom-Episode: Krug wird Werbegesicht der Deutschen Telekom beim Börsengang 1996. Millionen kennen ihn nun auch außerhalb des Tatort. Er selbst investiert in T-Aktien — und verliert später erheblich, als die Kurse abstürzen. Er schreibt darüber, öffentlich. Das ist Krug: transparent bis zur Unbequemlichkeit, auch über eigene Fehler und Fehleinschätzungen.
Die letzten Jahre: Krankheit, Tagebücher, Abschied
In den 2000er Jahren häufen sich die gesundheitlichen Rückschläge. Schlaganfall. Herzprobleme. Magenoperationen. Krug spricht nicht ausführlich darüber, aber es kommt heraus. Im April 2014 deutet er in einem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung an, dass er krank sei — ohne Details zu nennen. „Ich selbst habe nicht über meine Krankheit gesprochen, aber es kam trotzdem raus.“
Am 21. Oktober 2016 stirbt Manfred Krug in Berlin. Er ist 79 Jahre alt. Die Todesursache: Folgen einer akuten Lungenentzündung. Umgeben von seiner Familie, in dem Westberlin, das er sich 1977 als neues Zuhause gewählt hatte. Er wird im kleinen Familienkreis beerdigt — so, wie er es sich gewünscht hatte.
Nach seinem Tod erscheinen seine Tagebücher. Sie sind ungeschönt. Krug schreibt direkt, urteilt scharf, schont bekannte Weggefährten nicht. Ein letztes Mal der unbequeme Mann. Ein letztes Mal der, der sagt, was er denkt — diesmal ohne jedes Risiko.
Was bleibt? Ein Schauspieler, der die DEFA-Ära mitgeprägt hat wie kaum ein anderer. Der in „Spur der Steine“ einen Hannes Balla spielte, der ehrlicher war als das System, das den Film verbot. Der 1977 eine Entscheidung traf, die man nicht leichtfertig beurteilen sollte. Und der im Westen zeigte, dass er mehr war als ein Überläufer aus dem Osten.
Mehr über die Schauspieler, die wie Krug die DEFA geprägt haben, gibt es in der Übersicht: Die unvergesslichen DEFA-Schauspieler.
Häufige Fragen zu Manfred Krug
Wann und wo wurde Manfred Krug geboren?
Manfred Krug wurde am 8. Februar 1937 in Duisburg geboren — nicht in Cottbus, wie gelegentlich fälschlich angegeben wird. Seine Familie zog nach dem Zweiten Weltkrieg nach Henningsdorf bei Berlin in die sowjetische Besatzungszone. Er wuchs damit im Osten auf, obwohl er im Westen geboren wurde.
Warum verließ Manfred Krug die DDR?
Krug hatte 1976 die Protestresolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet. Die Folge: systematische Behinderungen seiner beruflichen Tätigkeit — Konzertabsagen, gestrichene Filmprojekte, eine zurückgehaltene Schallplatte. Am 19. April 1977 stellte er den offiziellen Ausreiseantrag. Am 20. Juni 1977 verließ er mit seiner Familie die DDR Richtung Westberlin.
Wie lange spielte Manfred Krug im Tatort?
Von 1984 bis 2001 — insgesamt 41 Folgen als Kommissar Paul Stoever, überwiegend an der Seite von Charles Brauer als Peter Brockmöller. Die erste Folge „Haie vor Helgoland“ lief am 23. April 1984 in der ARD.
Wann ist Manfred Krug gestorben?
Manfred Krug starb am 21. Oktober 2016 in Berlin, im Alter von 79 Jahren. Als Todesursache wurden die Folgen einer akuten Lungenentzündung angegeben.
War Manfred Krug von der Stasi überwacht worden?
Ja. Krug stand nachweislich unter intensiver Stasi-Überwachung. Der Bildhauer Manfred Salow, der als Inoffizieller Mitarbeiter mit dem Decknamen „Salmann“ arbeitete, spionierte ihn über Jahre aus und gestand dies nach 1989 öffentlich. Die Stasi-Unterlagen im Bundesarchiv belegen umfangreiche Berichte über Krugs Besucher, Konzertauftritte und Ausreiseabsichten.