Am 17. Mai 1946 unterzeichneten sowjetische Besatzungsoffiziere und deutsche Filmleute in Potsdam-Babelsberg einen Lizenzvertrag. Die Deutsche Film-Aktiengesellschaft — DEFA — war gegründet. Auf einem Gelände, das seit 1912 Filmgeschichte geschrieben hatte, begann ein neues Kapitel, das fast ein halbes Jahrhundert andauern sollte. Was in diesen 46 Jahren entstand, war nicht nur das größte Filmstudio der DDR, sondern eines der produktivsten Europas: rund 750 Spielfilme, etwa 800 Animationsfilme, tausende Dokumentar- und Kurzfilme. Und als das Studio 1992 aufgelöst wurde, war Babelsberg längst mehr als eine Adresse — es war ein Begriff.
Dieser Artikel trennt, was oft vermengt wird: das DEFA-Studio als staatlicher Betrieb (1946–1992), das Studio Babelsberg als privatwirtschaftlicher Nachfolger (ab 1992), und die DEFA-Stiftung als Archiv- und Lizenzhüterin (ab 1998). Drei unterschiedliche Institutionen, ein gemeinsamer Ort.
1912: Das Gelände vor der DEFA
Die Geschichte des Filmgeländes in Babelsberg beginnt 1912 mit der Deutschen Bioscop GmbH. Das Unternehmen suchte einen Standort für Freilichtaufnahmen — der Berliner Vorort Potsdam-Babelsberg bot genug Platz, ruhige Lichtverhältnisse und eine Bahnverbindung in die Hauptstadt. Die ersten Studios waren einfache Glaspavillons, die Tageslicht ins Bild ließen, weil elektrische Filmlichtquellen noch nicht existierten.
Aus der Deutschen Bioscop wurde 1917 die Universum Film AG — die UFA. Was in Babelsberg folgte, war die große Ära des deutschen Stummfilms: Friedrich Wilhelm Murnaus Produktionen, Ernst Lubitschs Kostümspektakel, Fritz Langs Metropolis (1927), gedreht über Monate auf dem Babelsberg-Gelände mit tausenden Statisten. Metropolis hat Babelsberg auf die Weltkarte des Kinos gesetzt — das Gelände war damals das modernste Filmstudio Europas, mit technischen Einrichtungen, die in Deutschland ihresgleichen suchten.
Die Ufa-Ära endete im Nationalsozialismus nicht mit dem Aus für Babelsberg, sondern mit seiner Instrumentalisierung. Leni Riefenstahl drehte hier, Propagandafilme entstanden auf denselben Bühnen, auf denen kurz zuvor Weimarer Klassiker entstanden waren. Die Infrastruktur überstand den Zweiten Weltkrieg beschädigt aber nicht vernichtet. 1945 besetzten sowjetische Truppen das Gelände. Ein Jahr später entstand daraus die DEFA.
17. Mai 1946: Gründung unter sowjetischer Lizenz
Die Lizenz für die DEFA stellte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) aus — Befehl Nr. 234. Die erste Hauptversammlung der Aktionäre fand am 17. Mai 1946 in Potsdam-Babelsberg statt. Unter den Gründern waren Kommunisten, Sozialdemokraten und parteilose Filmleute, viele davon Rückkehrer aus dem Exil oder aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Der erste DEFA-Spielfilm, Die Mörder sind unter uns unter der Regie von Wolfgang Staudte, war bereits im Oktober 1946 fertig — ein Trümmerfilm über Schuld und Verdrängung nach dem Zweiten Weltkrieg, entstanden auf einem Gelände, das selbst noch Spuren des Krieges trug.
Die DEFA war von Anfang an kein privates Unternehmen, auch wenn die Gründungsstruktur formal an eine Aktiengesellschaft erinnerte. 1952 wurde sie vollständig verstaatlicht und dem Kulturministerium der DDR unterstellt. Die politische Kontrolle war damit institutionell gesichert, aber de facto hatte das Kulturministerium schon vorher den Ton angegeben. Ohne die Genehmigung der Hauptverwaltung Film im Kulturministerium durfte kein Spielfilm realisiert werden — von der Behandlung des Drehbuchs bis zur Abnahme des Fertigprodukts.
Das ist der Zensurapparat, über den in der Rückschau viel geredet wird, ohne seinen Mechanismus immer genau zu kennen: Die Hauptverwaltung Film war keine externe Behörde, die fertige Filme censierte. Sie saß im Produktionsprozess. Drehbücher mussten eingereicht und genehmigt werden. Während der Produktion gab es Kontrollbesuche. Und nach der Fertigstellung konnte ein Film verboten werden — ohne formellen Beschluss, durch schlichtes Nichtgenehmigen der Auswertung. 1965/66, nach dem 11. Plenum des ZK der SED, traf es eine ganze Reihe von Spielfilmen auf einmal: Das Kaninchen bin ich, Denk bloß nicht, ich heule, Karla — alle ins Regal gelegt. Die sogenannten Kellerfilme oder Verbotsfilme.
Struktur: Vier Studios, ein System
Die DEFA war kein monolithisches Gebilde. Sie gliederte sich in eigenständige Produktionsstudios, die unterschiedliche Genres und Formate abdeckten.
DEFA-Studios und ihre Produktionsschwerpunkte
| Studio | Standort | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Studio für Spielfilme | Potsdam-Babelsberg | Spielfilme, Märchenfilme, Koproduktionen |
| Studio für Animationsfilme | Dresden | Trick- und Animationsfilme (Pittiplatsch, Abrafaxe) |
| Studio für Kurz- und Dokumentarfilme | Berlin | Dokumentarfilme, Kurzfilme, Industriefilme |
| Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme | Berlin | Der Augenzeuge (DDR-Wochenschau) |
Das Studio für Spielfilme in Babelsberg war das Herzstück — hier entstanden die Produktionen, die international wahrgenommen wurden, hier arbeiteten die bekanntesten Regisseure und Schauspieler. Das Studio für Animationsfilme in Dresden hatte dagegen eine andere Logik: Es produzierte für das Fernsehen, für Kinder, für den Export. Die Abrafaxe, eine Comicfiguren-Welt, wurde hier zum Spielfilm. Pittiplatsch und seine Fernsehwelt entstammen dieser Dresdner Produktionskultur.
Die Vierteilung hatte einen praktischen Grund: Unterschiedliche Genres erforderten unterschiedliche Infrastrukturen, unterschiedliche Fachleute, unterschiedliche Finanzierungslogiken. Ein Animationsfilm brauchte andere Arbeitsverhältnisse als ein Spielfilm mit Großkulisse. Und die staatliche Kontrolle war bei getrennten Einheiten einfacher zu handhaben als bei einem einzigen Großbetrieb.
Babelsberg als Produktionsmaschine: 750 Spielfilme in 46 Jahren
Die Zahlen sind beeindruckend, wenn man sie nüchtern betrachtet: rund 750 Spielfilme zwischen 1946 und 1990, durchschnittlich also etwa 16 pro Jahr. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik produzierte in denselben Jahren mit einer erheblich größeren Bevölkerung und einem freien Marktfilm-System nicht proportional mehr Spielfilme.
Was die DEFA antrieb, war staatliche Planung — Jahrespläne, Filmkontingente, feste Ensembles. Regisseure, Schauspieler, Kameramänner, Bühnenbildner waren festangestellt oder hatten langfristige Verträge. Das schuf eine künstlerische Kontinuität, die dem westlichen Produktionssystem fremd war: Wer in Babelsberg arbeitete, arbeitete meist jahrzehntelang in Babelsberg. Frank Beyer. Egon Günther. Heiner Carow. Ralf Kirsten. Diese Regisseure kannten das Studio, seine Ressourcen, seine Grenzen — und bewegten sich darin mit einer Selbstverständlichkeit, die handwerklich erkennbar ist.
Andererseits: Die staatliche Planung war auch der Grund für die Beschränkungen. Ein Drehbuch, das politisch nicht genehm war, wurde abgelehnt oder so lange überarbeitet, bis es passte. Selbstzensur war nicht die Ausnahme, sondern die Regel — nicht weil die Filmleute feige waren, sondern weil das System sie dazu zwang. Wer zwei, drei Drehbücher in Folge abgelehnt bekam, suchte Kompromisse. Wer Kompromisse machte, produzierte. Wer nicht produzierte, verschwand aus den Plänen. Das ist kein moralisches Urteil — es ist die strukturelle Logik des Systems.
Manche Regisseure haben in diesem System Spielräume gefunden, die überraschend wirken. Konrad Wolf — Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf, Bruder des späteren BND-Spions Markus Wolf — war einer von ihnen. Sein Film Ich war neunzehn (1968) zeigt einen jungen deutschen Rotarmisten, der Deutschland 1945 mit sowjetischen Truppen betritt. Ein Film über Heimkehr und Fremdheit, persönlich, komplex, ohne Propagandaschema. Innerhalb des DEFA-Systems. Das ist möglich gewesen. Nicht immer, nicht für jeden, nicht ohne Reibungsverluste — aber möglich.
Für eine breitere Einordnung in die Geschichte des DDR-Kinos verweist der Artikel auf DDR-Filmgeschichte: Das Kino von 1946 bis zur Wende 1990 — dort werden die einzelnen Phasen und Jahrzehnte detaillierter aufgefächert.
1989/90: Das Ende des DEFA-Systems
Die Wende 1989 traf die DEFA unprepared — wie so vieles in der DDR. Der Mauerfall im November 1989 änderte die politischen Rahmenbedingungen schlagartig. Für das Studio bedeutete das zunächst einen kurzen Moment der Öffnung: 1990 wurden die Kellerfilme aus ihren Depots geholt, erstmals öffentlich gezeigt. Das Kaninchen bin ich, Denk bloß nicht, ich heule — Filme, die seit 1965 gesperrt gewesen waren, liefen in Kinos und Fernsehen. Für die Filmleute, die sie damals gemacht hatten, war das ein spätes, bitteres Recht.
Gleichzeitig wurde die DEFA im Zuge der Deutschen Einheit zur Treuhandanstalt überführt. Die Treuhand sollte DDR-Staatsbetriebe privatisieren oder auflösen. Für das DEFA-Studio für Spielfilme in Babelsberg bedeutete das: Es wurde 1992 als DEFA-Studio aufgelöst. Gut 2.400 Beschäftigte — Techniker, Schauspieler, Verwaltungsangestellte, Bühnenbildner — verloren ihren Arbeitsplatz oder mussten sich auf neue Bedingungen einlassen. Was als planwirtschaftlicher Kulturbetrieb funktioniert hatte, überlebte den Systemwechsel strukturell nicht.
Der menschliche Einschnitt war erheblich. Ein Filmstudio dieser Größe ist kein abstraktes Wirtschaftsobjekt — es ist ein Netz aus Berufsbiografien, aus Handwerken, die über Jahrzehnte weitergegeben worden waren. Viele dieser Menschen fanden keine vergleichbaren Positionen im wiedervereinigten Filmbetrieb. Der Westen hatte sein eigenes System, seine eigenen Netzwerke.
Studio Babelsberg ab 1992: Privatwirtschaft statt Plan
Aus dem DEFA-Studio für Spielfilme wurde die Studio Babelsberg GmbH — später zur Aktiengesellschaft umgewandelt. Kein staatlicher Betrieb mehr, kein Jahresplan, keine ideologische Genehmigungspflicht. Stattdessen: internationaler Wettbewerb um Produktionsaufträge, Vermietung der Studioinfrastruktur, Koproduktionen mit Hollywood-Majors.
Der Wandel war fundamental. Das Studio Babelsberg AG vermarktet sich heute als führender Filmproduktionsstandort Europas — und kann das mit Referenzen belegen, die jede Kinobiografie kennt: The Matrix Reloaded und The Matrix Revolutions (2003), Inglourious Basterds (2009, Quentin Tarantino), The Grand Budapest Hotel (2014, Wes Anderson), Woman in Gold (2015), zuletzt Teile der Marvel-Produktionen. Das ist kein Betrieb mehr, der Filme über DDR-Alltagsleben produziert — das ist ein internationales Servicestudio, das Infrastruktur, Technik und lokales Handwerk an globale Produktionen verkauft.
Dieser Wandel ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Das Studio Babelsberg AG hat überlebt, weil es sich radikal neu definiert hat. Es trägt den Namen des Ortes, nicht der Institution. Es ist kein Erbe der DEFA — es ist ein Standort, der neue Geschichte schreibt.
DEFA-Stiftung ab 1998: Das Archiv als Aufgabe
Die DEFA-Stiftung ist die eigentliche Hüterin des filmischen Erbes. 1998 in Berlin gegründet, verwaltet sie das gesamte Lizenzrechtsgefüge der DEFA-Produktionen: Spielfilme, Animationsfilme, Dokumentarfilme, Kurzfilme. Wer einen DEFA-Film zeigen, vertreiben oder digitalisieren will, muss durch die DEFA-Stiftung. Sie ist der Lizenzgeber, der Bestandswahrer, die institutionelle Gedächtnisfunktion des Studios, das 1992 aufgehört hat zu existieren.
Sitz der DEFA-Stiftung ist Berlin, nicht Potsdam-Babelsberg. Das ist kein Zufall und kein Fehler — es spiegelt die institutionelle Trennung wider, die beim Verständnis dieser Geschichte grundlegend ist: Das Studio Babelsberg AG in Potsdam ist der kommerzielle Produktionsstandort. Die DEFA-Stiftung in Berlin ist die nicht-kommerzielle Archiv- und Rechteinstitution. Beide haben mit der originären DEFA zu tun, aber auf völlig unterschiedliche Weise.
Die Stiftung hat in den vergangenen Jahren erheblich in Digitalisierung investiert. Viele DEFA-Spielfilme, die jahrzehntelang nur auf Filmpositiv erhalten waren, liegen inzwischen digital vor und sind über die Plattform DEFA-Filmwelt abrufbar. Das ist kulturpolitisch bedeutsam: Ein Erbe von gut 750 Spielfilmen droht sonst zu verblassen, wenn die physischen Träger altern.
Wer die besten dieser Produktionen sucht — die Kellerfilme, die Märchenklassiker, die Regieleistungen von Wolf oder Beyer — findet eine kuratierte Auswahl im Artikel Die besten DEFA-Filme aller Zeiten.
Was bleibt: Babelsberg als Begriff
Babelsberg ist heute drei Dinge gleichzeitig: ein Filmstudiogelände mit aktivem Betrieb, ein historischer Begriff für DDR-Filmproduktion, und ein Standortmarketing-Label für Potsdam als Medienstadt. Diese Schichten überlagern sich und erzeugen manchmal Verwirrung.
Die DEFA hat auf diesem Gelände 46 Jahre lang gearbeitet — von 1946 bis 1992. Das ist mehr als doppelt so lang wie die UFA-Ära, die ihr vorausging. Was die DEFA produziert hat, ist quantitativ und qualitativ ein erhebliches kulturelles Erbe: Filme, die gesellschaftliche Wirklichkeit der DDR dokumentieren, die handwerkliche Traditionen bewahren, die in manchen Genres — Märchenfilm, Animationsfilm, politischer Dokumentarfilm — europaweit ohne Entsprechung sind.
Gleichzeitig war die DEFA ein staatliches Instrument. Sie hat Propaganda produziert und Kunst produziert — oft im selben Betrieb, manchmal im selben Film. Das war kein Widerspruch, sondern die Bedingung, unter der DDR-Kino funktionierte. Wer die DEFA nur als Propagandamaschine liest, versteht die Kellerfilme nicht. Wer sie nur als Kunstbetrieb liest, versteht den Zensurapparat nicht.
Das DEFA-Studio existiert nicht mehr. Die Stiftung bewahrt, was entstanden ist. Das Gelände dreht weiter. Und Babelsberg — als Name, als Mythos, als Filmadresse — ist geblieben.