Märchenwald-Kulisse eines DEFA-Märchenfilms aus den 1970er Jahren
DEFA-Filme

DEFA-Märchenfilme: Die schönsten Klassiker aus Babelsberg

11. August 2025 · Aktualisiert: 19. Mai 2026

Rund 30 Märchenfilme. Produziert zwischen 1950 und 1989, in den Studios Babelsberg und — bei den Koproduktionen — im Barrandov-Studio in Prag. Das DEFA-Studio für Spielfilme hat ein Genre geprägt, das weit über die Grenzen der DDR hinaus wirkte und in manchen Ländern bis heute ungebrochen präsent ist. Märchenfilme waren kein Randprogramm der DEFA, sie waren Kerngeschäft: verlässlich am Feiertags- und Kinderfilm-Programm, politisch vergleichsweise unkritisch, international vermarktbar. Und doch steckt in den besten dieser Produktionen mehr als staatlich gefördertes Kinderfernsehen.

Ein Hinweis vorab: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist kein DEFA-Film im engeren Sinne — die Koproduktion mit dem Barrandov-Studio macht ihn zum ČSSR/DDR-Gemeinschaftswerk. Trotzdem gehört er zur DNA der DDR-Kindheit so untrennbar, dass jede Bestandsaufnahme des DEFA-Märchengenres ohne ihn unvollständig wäre.

Was die DEFA-Märchenproduktion ausmachte

Der erste DEFA-Märchenfilm entstand 1950: „Das kalte Herz“ nach Wilhelm Hauff, gleichzeitig der erste DEFA-Farbfilm überhaupt. Damit begann eine Tradition, die für vier Jahrzehnte nicht abriss. Bis zum letzten DEFA-Kinofilm 1989 entstanden rund 30 Märchenfilm-Spielfilme für die Leinwand, ergänzt durch zahlreiche Fernsehproduktionen des DEFA-Studios für Kurzfilme und Animationsfilme.

Die Grundlage war meistens der Grimm-Kanon: Schneewittchen, Aschenputtel, Rapunzel, Frau Holle, Der gestiefelte Kater. Aber die DEFA-Dramaturgen gingen systematisch durch das europäische Märchenrepertoire — Hauff, Andersen, Bechstein — und verfilmten alles, was filmisch umsetzbar schien und keine politische Sprengkraft hatte. Märchen waren in der DDR-Kulturpolitik das sichere Terrain. Sie ließen sich ideologisch aufgeladen lesen (der arme Müllersohn bezwingt den bösen Grafen), ohne es sein zu müssen.

Der Grimm-Stoff bildete das Rückgrat. Dreizehn Grimm-Verfilmungen entstanden allein in der DEFA-Kinofilmreihe, darunter Klassiker wie „Frau Holle“ (1963), „Rotkäppchen“ (1962) und „Rumpelstilzchen“ (1960). Gottfried Kolditz, der Regisseur hinter „Schneewittchen“ und „Frau Holle“, war über ein Jahrzehnt lang der führende DEFA-Märchenfilmer. Er kannte das Genre von innen und wusste, wie man innerhalb der engen Produktionsbedingungen Babelsberg-typische Märchenbilder erzeugte.

Die ČSSR-Koproduktionen: Barrandov als Partner

Die Zusammenarbeit zwischen der DEFA und dem Barrandov-Studio in Prag hatte eine pragmatische Grundlage. Das Barrandov-Studio, gegründet in den 1930er Jahren und nach dem Krieg verstaatlicht, verfügte über Kapazitäten, Kulissenbauten und technisches Personal, die die DEFA ergänzten. In der Slowakei und Böhmen standen Filmlandschaften zur Verfügung, die in Babelsberg kaum nachzubauen gewesen wären: Bergschlösser, Winterwälder, mittelalterliche Burganlagen.

Die Koproduktionsverträge zwischen DEFA und Barrandov folgten einem festen Muster. Die DEFA brachte Finanzierung ein — für „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ 1973 sicherte der DEFA-Generaldirektor nach drei Tagen Prüfung eine Million Mark zu, was umgerechnet etwa drei Millionen tschechoslowakische Kronen für das Projekt bedeutete. Barrandov lieferte Studio, Technik, tschechoslowakisches Personal und Drehorte. Regie und Besetzung kamen von beiden Seiten.

Das Ergebnis war ein eigener Ästhetik-Typ. Die ČSSR-Koproduktionen klangen und sahen anders als die reinen Babelsberg-Produktionen: weicher in der Bildsprache, abenteuerlicher in der Architektur, mit einer Musikalität, die aus der tschechoslowakischen Filmtradition stammte. Nicht besser oder schlechter — anders. Und dieser Unterschied ist bis heute hörbar und sehbar.

Das singende, klingende Bäumchen (1957)

Francesco Stefanis Film von 1957 ist international der bekannteste DEFA-Märchenfilm — auch wenn das in Deutschland kaum jemand weiß. In Großbritannien wurde er von der BBC aufgekauft, in drei Teile geschnitten und ab November 1964 als Serie ausgestrahlt. Unter dem Titel „The Singing Ringing Tree“ gehörte er zur BBC-Reihe Tales from Europe und erreichte Millionen britischer Kinder. Für viele wurde er ein prägender Kindheitseindruck — der eigenartige, fast düstere Ton des Films passte zur BBC-Ästhetik jener Jahre besser als jeder Hollywood-Märchenfilm.

In der DDR lief er am 13. Dezember 1957 in den Kinos an. Die Besucherzahlen der ersten zwei Jahre lagen bei knapp 6 Millionen in deutschen Kinos — West und Ost zusammen, denn der Film lief ab September 1958 auch im Westen. Das war für eine DEFA-Produktion der 1950er Jahre außergewöhnlich.

Stefani verfilmte ein wenig bekanntes Märchen — der Stoff ist weder Grimm noch Andersen, sondern stammt aus einer Erzählsammlung. Eine arrogante Prinzessin, ein Prinz, ein magischer Baum, eine Verzauberung, die sie in ein Tier verwandelt. Was den Film auszeichnet, ist seine visuelle Unruhe: Der Antagonist, ein Zwerg mit tückischem Gesicht, bleibt als Figur in Erinnerung, die eher aus einem Horrorfilm stammt als aus dem Märchengenre. Kinder liebten das. Eltern waren weniger sicher.

Der gestiefelte Kater (1955)

Herbert B. Fredersdorf drehte 1955 eine der frühesten und handwerklich souveränsten Grimm-Verfilmungen der DEFA. Der Stoff ist vertraut: Der jüngste Müllersohn erbt nur die Katze Hinz, seine Brüder bekommen Mühle und Esel. Die Katze Hinz kann sprechen, trägt Stiefel, und verwandelt den mittellosen Heinrich durch List und Klugheit in den angeblichen Grafen Carabas.

Fredersdorf inszenierte den Film mit einer Leichtigkeit, die für das DEFA-Kino der frühen 1950er nicht selbstverständlich war. Harry Wüstenhagen spielte Heinrich, Margitta Sonke die Katze Hinz — mit Kostüm und Make-up, nicht als Trickfigur. Die Besetzung war bewusst: Der gestiefelte Kater sollte als echter Spielfilm funktionieren, nicht als animiertes Märchen. Die Premiere fand am 2. September 1955 in Remscheid statt, also im Westen — ein Detail, das die Vermarktungsstrategie der frühen DEFA zeigt, die ihre Märchenfilme dezidiert auch westdeutschem Publikum anbieten wollte.

Über seine Wirkungsgeschichte hinaus ist „Der gestiefelte Kater“ für das Genre bedeutsam als frühes Beispiel der DEFA-Märchen-Grammatik: Kostüme aus dem Requisitenfundus Babelsberg, Außenaufnahmen in thüringischer Landschaft, Innenszenen in den Studios. Diese Produktionsformel blieb über Jahrzehnte stabil.

Schneewittchen (1961)

7,6 Millionen Zuschauer zwischen 1961 und 1990. Das ist die Zahl, hinter der man die Bedeutung des Schneewittchen-Films von 1961 greifen kann. Gottfried Kolditz verfilmte den Grimm-Klassiker in Babelsberg als reine Studioproduktion — keine Außenaufnahmen, keine Landschaftskulissen, nur die Babelsberg-Bühnen. Das klingt nach Einschränkung, war aber eine bewusste Entscheidung: Die Bildsprache sollte streng stilisiert sein, malerisch fast, wie eine animierte Buchillustration.

Doris Weikow spielte Schneewittchen, Marianne Christina Schilling die böse Stiefmutter. Schillings Darstellung der Stiefmutter gilt bis heute als eine der eindrücklichsten in der deutschen Märchenfilm-Geschichte — nicht laut, nicht karikiert, sondern kalt und präzise. Die Zwerge wurden ohne Spezialeffekte inszeniert, mit Kinderdarstellern in Kostümen.

Die Premiere am 6. Oktober 1961 im Berliner Babylon-Kino fand wenige Wochen nach dem Mauerbau statt. Ob das die Stimmung beeinflusste, ist schwer zu sagen — der Kinoerfolg war jedenfalls ungebrochen. „Schneewittchen“ gehört zu den drei meistgesehenen ostdeutschen Märchenfilmen aller Zeiten. Für den Vergleich mit anderen herausragenden DEFA-Produktionen lohnt ein Blick auf den Überblick über die besten DEFA-Filme aller Zeiten.

Frau Holle und die Grimm-Verfilmungen der 1960er

Gottfried Kolditz drehte 1963 „Frau Holle“ — zwei Jahre nach „Schneewittchen“, mit ähnlichem Produktionsrahmen und teils gleicher Besetzungsstruktur. Goldmarie und Pechmarie, Fleiß und Faulheit, der Brunnen als Portal zwischen den Welten. Das Grimm’sche Original lässt kaum Spielraum für dramaturgische Experimente, und Kolditz nutzte ihn auch nicht. Was „Frau Holle“ auszeichnet, ist die Sorgfalt der Umsetzung: Kostuküme, Licht, das langsame Tempo. Keine Hektik.

Die 1960er waren das produktivste Jahrzehnt für DEFA-Märchenfilme. Neben „Schneewittchen“ und „Frau Holle“ entstanden in diesem Zeitraum Verfilmungen von „Rotkäppchen“ (1962), „Rumpelstilzchen“ (1960) und verschiedenen anderen Grimm-Stoffen. Das Publikum war treu: Märchenfilme hatten im DDR-Kino ein festes Stammpublikum aus Kindergruppen und Schulklassen, das regelmäßig mobilisiert werden konnte.

Im DDR-Fernsehen lief parallel ein eigenes Märchenfilm-Programm, das sich stärker an osteuropäischen Stoffen orientierte und auch tschechoslowakische und sowjetische Produktionen zeigte. Die Barrandov-Koproduktionen fanden auf beiden Wegen ihr Publikum — Kino und Fernsehen.

Wer sich für die Schauspieler interessiert, die das DEFA-Märchengenre prägten — von der bösen Stiefmutter bis zum Prinzen — findet im Artikel über die unvergesslichen DEFA-Schauspieler ausführlichere Portraits.

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973): Der Weihnachtsfilm

Ein Winterfilm, der im Sommer hätte entstehen sollen. Eigentlich plante Václav Vorlíček seine Adaption des tschechoslowakischen Märchens „O Popelce“ für die warme Jahreszeit — mit Sommerkulissen, grünen Wiesen, Sommerkleid. Die DEFA hatte andere Prioritäten: Ihre Arbeiter in Babelsberg waren im Sommer ausgelastet. Die Dreharbeiten wurden in die ersten Monate des Jahres 1973 verlegt. Der Schnee blieb. Das Schloss Moritzburg bei Dresden, das als Königsschloss diente, lag unter Winterweiß. Der Böhmerwald, in dem weitere Szenen entstanden, war frostig und klar.

Aus dem erzwungenen Kompromiss wurde einer der schönsten Zufälle der Märchenfilm-Geschichte. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist ein Winterfilm, weil die DEFA-Produktionsplanung es so wollte — und ist deshalb heute untrennbar mit Weihnachten verknüpft.

Libůše Šafránková, 1953 geboren, hatte gerade die Schauspielschule in Prag abgeschlossen, als Vorlíček sie für die Hauptrolle besetzte. Er kannte sie von einem früheren Filmauftritt. Šafránková ist kein passives Märchenmädchen — ihre Aschenbrödel reitet, bogenschießt, trägt Hose statt Kleid, begegnet dem Prinzen auf Augenhöhe. Das war 1973 ungewöhnlich für das Genre. Pavel Trávníček spielte den Prinzen, ebenfalls ein Frühwerk im Werdegang des tschechoslowakischen Schauspielers.

Die Drehbuchautorin war formal Bohumila Zelenková. Der eigentliche Autor, František Pavlíček, durfte aus politischen Gründen — er hatte während des Prager Frühlings eine unbequeme Haltung eingenommen — nach 1970 nicht mehr publizieren. Seine Werke waren verboten. Im Vorspann des Films erscheint deshalb Zelenkováas Name. Das ist eine Randnotiz, die die politische Atmosphäre der Zeit erhellt: Selbst bei einem harmlosen Märchenfilm wirkte das System nach.

Innenszenen entstanden in den Filmstudios Babelsberg in Potsdam und im Barrandov-Studio. Außenszenen wurden rund um Schloss Moritzburg gedreht, weitere Kulissen in der Burg Švihov und im böhmischen Wald. Die Finanzierung: eine Million Mark von der DEFA, gleichbedeutend mit etwa drei Millionen tschechoslowakischen Kronen — ein für damalige Verhältnisse substanzielles Budget für eine Märchenproduktion.

Ich habe „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ das erste Mal als Kind gesehen — Weihnachten, Mitte der 1980er, auf einem westdeutschen Sender. Der Film lief da regelmäßig, obwohl er eine ČSSR/DDR-Produktion war. Das hat mich damals nicht interessiert. Interessiert hat mich das Pferd, das Aschenbrödel ritt. Und die Haselnüsse, die sich in Kleider verwandelten. Erst viel später, im Studium, wurde mir bewusst, was für ein eigenartiges Produktionsgebilde dahinter steckt — eine Koproduktion zweier sozialistischer Länder, mit politisch beladenem Drehbuch-Hintergrund, gedreht in sächsischem Winter und böhmischen Burgen, von einem tschechischen Regisseur und einer österreichisch-tschechischen Besetzung. Das erklärt vielleicht, warum er sich von allen DEFA-nahen Märchenfilmen am wenigsten nach DDR anfühlt.

Heute läuft der Film in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, der Slowakei und Norwegen verlässlich im Weihnachtsprogramm. Jedes Jahr aufs Neue. Die Weihnachts-Dauerbrenner-Stellung, die er inzwischen hat, ist so fest verankert, dass viele Sender ihn mehrfach pro Saison zeigen. Kein anderer osteuropäischer Film hat eine vergleichbare westliche Weihnachtstradition etabliert.

Ein letzter Gedanke dazu: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist kein DEFA-Film im engeren Sinne — die DEFA hat mitfinanziert, mitproduziert, aber die künstlerische Kontrolle lag in Prag. Was ihn mit dem DEFA-Märchengenre verbindet, ist die Produktionsinfrastruktur, die Babelsberg-Kulissen, der gemeinsame Entstehungsraum des sozialistischen Filmsystems. Das reicht, um ihn in diese Betrachtung einzubeziehen. Und er ist, bei aller analytischen Distanz, schlicht ein sehr schöner Film.

Das DEFA-Märchengenre: Warum es bis heute funktioniert

Die DEFA-Märchenfilme sind keine historischen Relikte. Sie funktionieren, weil sie handwerklich solide sind — Regie, Kamera, Kostüm, Besetzung. Weil sie in Tempo und Bildsprache nicht der Beschleunigungslogik des modernen Kinderfilms folgen. Weil die Darsteller — Šafránková, Schilling, die gesamte Babelsberg-Schauspielerriege — echte Erfahrung mitbrachten.

Gleichzeitig haben sie Grenzen. Die DEFA-Märchenfilme sind Kinder ihrer Zeit und ihrer Produktionsbedingungen. Die Studiokulissen sehen manchmal nach Studiokulissen aus. Die Farbgebung der 1950er und frühen 1960er Produktionen ist nicht immer konsistent. Manche Adaptionen kürzen ihre Stoffe so stark, dass die Handlung Logiklücken hinterlässt.

Was bleibt, ist ein Korpus von rund 30 Kinofilmen, der das europäische Märchenfilm-Genre mitgeprägt hat. Neben Walt Disneys Animationsklassikern und den tschechoslowakischen Eigenproduktionen bilden die DEFA-Märchenfilme das dritte große Standbein dieses Genres im 20. Jahrhundert. Das ist keine Kleinigkeit.

Stefan Bodenschatz

Filmkritiker & Herausgeber

Filmkritiker aus Berlin-Tempelhof. Germanistik und Kulturwissenschaften, FU Berlin. Schreibt über DDR-Kino, DEFA und osteuropäisches Film seit zwanzig Jahren.