Polizeiruf 110 Folgen gibt es seit dem 27. Juni 1971. Über 420 Episoden, zwei politische Systeme, eine Marke. Wer die Reihe wirklich verstehen will, muss bei ihrer Entstehung im Deutschen Fernsehfunk der DDR anfangen — und nicht erst bei den ARD-Sonntagabenden der Gegenwart. Die Reihe ist mehr als ein Krimi: Sie ist ein Zeitzeugnis von über 50 Jahren deutscher Gesellschaftsgeschichte, einmal von Ost und einmal von West erzählt.
Dieser Guide führt durch die vollständige Geschichte: von der Erstausstrahlung 1971 über die 153 DDR-Folgen bis zur ARD-Übernahme nach der Wende, den prägenden Ermittlerfiguren, den verbotenen Episoden und den Streaming-Optionen heute. Wer alle Folgen mit Titeln und Daten sucht, findet diese im Polizeiruf 110 Episodenverzeichnis — alle Folgen chronologisch. Hier geht es ums Verstehen. Und um Einordnung — warum diese Reihe 55 Jahre nach ihrer Erstausstrahlung noch immer eine der interessantesten Produktionen des deutschen Fernsehens ist, wenn man sie im richtigen Kontext liest.
Was ist Polizeiruf 110? Geschichte und Entstehung
Im Herbst 1971 hatte das DDR-Fernsehen ein Problem. Das Programm galt als ideologisch überfrachtet, wenig konkurrenzfähig gegenüber dem westdeutschen Fernsehen, das viele Ostdeutsche heimlich empfingen. Erich Honecker, gerade erst an der Macht, hatte im Frühjahr 1971 öffentlich mehr Unterhaltung gefordert. Die Reaktion des Deutschen Fernsehfunks (DFF) war schnell: Man schuf eine eigene Krimireihe als Antwort auf den westdeutschen Tatort, der seit November 1970 ausgestrahlt wurde.
Am 27. Juni 1971 lief die erste Folge. Titel: „Der Fall Lisa Murnau“. Das Konzept war klar durchdacht — keine westliche Detektivromantik, keine einsamen Helden, sondern Volkspolizisten, die in sozialistischer Gemeinschaft ermitteln. Kollektiv statt Individualist. Die Hauptfigur Oberleutnant Fuchs, gespielt von Peter Borgelt, sollte zum Gesicht der gesamten DDR-Ära werden.
Produziert wurde die Reihe im DFF Berlin-Adlershof. Spielfilmproduktionen liefen über das DEFA-Studio für Spielfilme in Babelsberg — der staatliche Produktionsarm für ambitioniertere Fernsehfilme. Der DFF, ab 1972 offiziell als „Fernsehen der DDR“ bezeichnet, war staatlicher Rundfunk: Alle 153 Drehbücher der DDR-Ära mussten vorab vom zuständigen Ministerium genehmigt werden. Ein Filter, der tiefe Spuren im Tonfall und in den Themen hinterließ.
Durchschnittlich sieben bis neun Folgen pro Jahr entstanden in den 1970er und 1980er Jahren. Die Produktionen waren aufwendig, die Einschaltquoten außergewöhnlich hoch. Der Polizeiruf wurde zum Exportschlager des DDR-Fernsehens, unter anderem in andere sozialistische Länder Osteuropas. Bis 1991 kamen exakt 153 Folgen aus der DDR-Ära zusammen.
Was den Polizeiruf von Anfang an unterschied: Die dramaturgische Kernfrage lautete nicht „Wer war’s?“, sondern „Wie konnte das passieren?“ — eine fundamentale Differenz zur westdeutschen Krimistruktur. Täterpsychologie, soziales Umfeld, Lebensrealitäten der DDR-Bevölkerung standen im Mittelpunkt. Das machte die Reihe zu einem dokumentarischen Zeitzeugnis, das über die Genre-Grenzen des Kriminalfilms weit hinausgeht. Wer sich für das breitere Universum des DDR-Kinos interessiert, findet in unserem Artikel über die besten DEFA-Filme aller Zeiten eine gute Orientierung.
Die DDR-Ära (1971–1990): Ermittler, Drehorte und Geschichten
In den zwei Jahrzehnten DDR-Ära entstand etwas Ungewöhnliches: keine einheitliche Serienstruktur, sondern ein dezentrales Netzwerk regionaler Ermittlerfiguren. Berlin, Rostock, Halle, Magdeburg, Erfurt — jede Region hatte ihre eigenen Charaktere, ihre eigene Atmosphäre. Regional. Konsequent.
Das hatte praktische Gründe. Schauspieler hatten Theaterengagements, Drehpläne ließen sich nicht immer koordinieren, und die dezentrale Produktionsstruktur erlaubte kreative Flexibilität. Wenn ein Darsteller nicht verfügbar war, schrieb man einen anderen Ermittler in die Folge. Das Ergebnis war ein Ensemble-Format ohne echtes Gegenstück in der westeuropäischen Fernsehgeschichte. Kein Serien-Protagonist im westlichen Sinne, kein durchgehender Handlungsbogen — nur die Marke, die Uniform und die Seriennummer.
Die 1970er Jahre: Aufbau und Tonsuche
Die erste Dekade der Reihe ist die experimentellste. Drehbuchautoren, Regisseure und Darsteller tasteten sich gemeinsam an ein Format heran, das es im DDR-Fernsehen so nicht gegeben hatte. Die Fälle der frühen Folgen wirken heute manchmal naiv — die Täter sind oft eindimensional, die soziologischen Erklärungen schematisch. Das ist kein Fehler, sondern Zeitgeist. Die Sprache der frühen 1970er Jahre, die Kleidung, die Inneneinrichtungen, die Trabants und Wartburgs auf den Straßen: Das alles ist unersetzliches Zeitdokument. Wer verstehen will, wie die DDR wirklich aussah, findet im frühen Polizeiruf mehr als in vielen Geschichtsbüchern.
Peter Borgelt als Hauptmann Fuchs dominierte diese Jahre. 84 Fälle insgesamt, von 1971 bis 1991 — er war das Kontinuum, das die Reihe über Jahrzehnte zusammenhielt, während alle anderen Figuren wechselten. Fuchs ermittelte in einer Zentralen Fahndungsgruppe der Volkspolizei, die zuständig war für Fälle quer durch die gesamte DDR: Mord, Betrug, Verkehrsdelikte, Sittlichkeitsvergehen. Ein geduldiger, methodischer Beamter ohne Heldenattitüde.
Die 1980er Jahre: Reife und Differenzierung
In den 1980er Jahren gewann die Reihe an erzählerischer Reife. Die Drehbücher wurden differenzierter, die Täterprofile vielschichtiger, die gesellschaftliche Einbettung genauer. Das lag teilweise an der Lockerung einzelner inhaltlicher Vorgaben in der Spätphase der DDR, teilweise an der wachsenden Erfahrung des Produktionsteams und seiner Autoren.
1986 kam Thomas Grawe als junger Oberleutnant dazu — gespielt von Andreas Schmidt-Schaller, der mit einer kantigeren Interpretation gegen den glatteren Borgelt-Stil arbeitete. Die Spannung zwischen den beiden Figuren gab den letzten DDR-Jahren eine neue Energie. 1988 wurde Grawe zum Oberleutnant befördert. Nach der Wende wurde der Charakter als Polizeioberkommissar in die ARD-Struktur überführt — eine der wenigen echten Brückenfiguren zwischen den politischen Systemen.
Die Fälle der 1980er Jahre sind auch die gesellschaftskritischsten. Alkoholismus, Jugendkriminalität, häusliche Gewalt, Kindesmisshandlung — Themen, die im DDR-Fernsehen der frühen Jahre kaum vorkamen, wurden jetzt offen thematisiert. Nicht als Systemkritik, sondern als soziale Diagnose. Der Unterschied war fein, aber real.
Drehorte: Ost-Deutschland vor der Wende
Gedreht wurde in allen großen Städten der DDR: in den Plattenbauten Berlins und auf der Karl-Marx-Allee, in den Hafenbezirken Rostocks, in den Industrievierteln Halles und Magdeburgs, auf dem flachen Land in Thüringen, in sächsischen Kleinstädten. Die Drehorte sind heute Zeitdokumente — viele dieser Schauplätze sind verändert oder verschwunden. Die Folgen konservieren das DDR-Alltagsbild in einem Detaillierungsgrad, den kein Dokumentarfilm erreicht hätte.
Ein besonderes Merkmal der DDR-Folgen: Das kriminelle Handeln wurde fast immer soziologisch erklärt. Der Täter war selten einfach böse. Er war Produkt eines Umfelds, einer Biografie, eines gesellschaftlichen Bruchs — zerrüttete Familienverhältnisse, unerfüllte Lebensentwürfe, Alkohol als Selbstmedikation. Das wirkt manchmal schematisch, manchmal erstaunlich präzise. Und es macht die alten Folgen für heutige Zuschauer zu einem seltsamen Spiegel: Was zeigt dieser Blick auf die DDR über die Gesellschaft, die ihn produziert und genehmigt hat?
Ermittler-Profile: Die prägenden Figuren der DDR-Zeit
Kein festes Team — das ist der Ausgangspunkt. Wer die DDR-Ära des Polizeiruf verstehen will, muss die Vorstellung aufgeben, dass eine feste Hauptfigur durch alle Episoden trägt. Dennoch gab es Charaktere, die über Jahrzehnte immer wieder auftauchten und das Gesicht der Reihe prägten.
Hauptmann Peter Fuchs (Peter Borgelt)
Borgelt war der Polizeiruf. Von der ersten Folge 1971 bis zur letzten DDR-Episode 1991 — 84 Fälle insgesamt — spielte Peter Borgelt den Hauptmann Peter Fuchs aus der Zentralen Fahndungsgruppe der Volkspolizei in Berlin. Fuchs ermittelte quer durch die gesamte DDR: Mord, Betrug, Verkehrsdelikte, Sittlichkeitsvergehen. Ein geduldiger, methodischer Beamter mit ruhiger Autorität. Kein Held im westlichen Sinne, eher ein verlässlicher Funktionär des sozialistischen Rechtssystems — aber einer mit echtem Gespür für menschliche Brüche.
Peter Borgelt wurde am 20. September 1927 in Berlin geboren und starb am 18. März 1994. Als er 1991 aufhörte, endete das Kapitel der DDR-Kontinuität in der Reihe. Für viele ostdeutsche Zuschauer war Borgelt schlicht der Polizeiruf — eine Identifikationsfigur über zwei Generationen hinweg, aufgewachsen in einem System, das keine anderen Polizeigesichter im Fernsehen kannte.
Der Charakter Fuchs verkörperte ein Ideal: den pflichtbewussten sozialistischen Beamten, der für Ordnung sorgt, ohne Autorität zu missbrauchen. Borgelt spielte das nie karikierend, sondern mit einer Ernsthaftigkeit, die dem Charakter Glaubwürdigkeit gab. Rückblickend ist das bemerkenswert — die meisten Darsteller in vergleichbaren Rollen wären entweder zur Propaganda-Marionette oder zur Selbstparodie abgeglitten.
Oberleutnant Thomas Grawe (Andreas Schmidt-Schaller)
Grawe kam 1986 dazu — zunächst als junger Oberleutnant neben dem erfahrenen Fuchs. Andreas Schmidt-Schaller, Jahrgang 1945 und in Arnstadt geboren, hatte zuvor Theaterrollen gespielt und war kein klassisches DFF-Fernsehgesicht. Die Interpretation des Grawe war kantiger, weniger glatt als die ältere Schauspielergeneration des Polizeiruf. 1988 wurde Grawe zum Oberleutnant befördert. Nach der Wende wurde der Charakter als Polizeioberkommissar in die ARD-Struktur überführt. Grawe war der Brückencharakter zwischen zwei Systemen — was ihn für die Reihe narrativ wertvoll machte, auch wenn er im kollektiven Gedächtnis weniger präsent geblieben ist als Fuchs.
Die regionalen Teams
Neben den überregionalen Hauptfiguren gab es feste Ermittler-Teams in einzelnen Städten und Regionen. Rostock hatte eigene Darsteller, Halle und Erfurt ebenso. Diese Regionalisierung spiegelt die dezentrale Produktionsstruktur des DFF wider, die verschiedene Studios und Teams zuließ. Wer die Vielzahl dieser Figuren erschließen will, findet in unserem Artikel zu den unvergesslichen DEFA-Schauspielern weitere Porträts und Biographien — viele der Gesichter aus der DDR-Ära des Polizeiruf haben auch außerhalb der Reihe bedeutende Rollen gespielt.
Nach der Wende: Wie die ARD den Polizeiruf übernahm
Der 28. Oktober 1990 ist ein besonderes Datum. An diesem Sonntag lief „Unter Brüdern“ gleichzeitig in der ARD und im DFF — ein Crossover, in dem Schimanski aus dem Tatort auf Hauptmann Fuchs und Oberleutnant Grawe trifft. Zwei Krimikulturen, eine Folge. Ein symbolischer Handschlag zwischen den Systemen, der zeigte, dass die ARD den Polizeiruf nicht begraben, sondern in ihre Programm-Logik integrieren wollte.
Die ARD übernahm den Polizeiruf nach der deutschen Wiedervereinigung nicht als Neustart, sondern als Franchise — analog zum Tatort-Modell. Verschiedene ARD-Anstalten produzierten fortan eigene Folgen unter dem gemeinsamen Titel. MDR, RBB, BR, WDR — jeder Sender seine eigenen Ermittler, seine eigene Stadt, seine eigene Produktionslogik. Das Prinzip der Regionalisierung blieb erhalten, bekam aber eine neue Bedeutung. Was in der DDR eine Produktionsnotwendigkeit war, wurde im ARD-System zur bewussten Markenstrategie.
Rostock wurde 2010 zum Schauplatz der wohl bekanntesten Post-Wende-Ermittler: Alexander Bukow und Katrin König. Ein ungewöhnliches, spannungsreiches Duo, das dem Standort eine eigene Identität gab und Fans gewann, die sonst kaum Krimis schauten. Halle (Saale) hatte das langlebigste Team der ARD-Ära: Hauptkommissar Herbert Schmücke (Jaeckie Schwarz) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler) arbeiteten seit 1996 zusammen und brachten es auf über 50 gemeinsame Fälle — bevor die Halle-Reihe 2026 mit der Folge „Der Wanderer zieht von dannen“ eingestellt wurde. Magdeburg bekam 2013 mit Hauptkommissarin Doreen Brasch eine eigene Ermittlerfigur, die den industriellen Osten der Bundesrepublik seitdem kontinuierlich bespielt.
Quantitativ blieb der Polizeiruf immer deutlich kleiner als der Tatort: sechs bis acht neue Folgen pro Jahr gegenüber über 35 beim großen Bruder. Das hat der Reihe eher genutzt. Weniger Produktionsdruck, mehr Sorgfalt pro Folge. Die Quoten sind niedriger, die künstlerische Qualität — wenn man Kritikerurteile als Maßstab nimmt — oft höher als beim mengenmäßig überlegenen Konkurrenten.
Polizeiruf vs. Tatort — die wichtigsten Unterschiede
Beide Reihen laufen am Sonntagabend im Ersten. Beide haben regionale Teams. Beide dauern rund 90 Minuten. Die äußeren Ähnlichkeiten täuschen über grundlegende Unterschiede hinweg — strukturell, historisch und erzählerisch.
Der Tatort begann 1970 im Westen als Antwort auf den erfolgreichen Kommissar im ZDF. Der Polizeiruf folgte 1971 im Osten als direkte Reaktion auf den Tatort. Schon die Genese zeigt zwei verschiedene gesellschaftliche Kontexte, die bis heute nachwirken — in der Erzählhaltung, in der Auswahl der Themen, in der Darstellung von Ermittlern und Verdächtigen.
Die Kernfrage unterscheidet sich fundamental. Tatort: Wer hat es getan? Polizeiruf: Wie konnte es dazu kommen? Dieser Unterschied in der dramaturgischen Grundstruktur zieht sich durch Jahrzehnte. Der Polizeiruf ist weniger an der Auflösung interessiert als am sozialen Kontext, in dem ein Verbrechen entstand. Das ergibt manchmal langsamere, schwerere Episoden — dafür eine andere Tiefe.
In der DDR-Ära kamen im Polizeiruf kaum Morde vor — jedenfalls verglichen mit dem Tatort. Das war keine künstlerische Entscheidung, sondern eine politische: Kapitalverbrechen passten nicht zum Bild einer sozialistischen Gesellschaft, die offiziell keine schwere Kriminalität kannte. Stattdessen: Einbruch, Erpressung, Diebstahl, häusliche Gewalt, Alkoholismus. Das Alltagsmilieu der DDR — ungefiltert, weil die Drehbuchautoren keine Wahl hatten, als in ihrer eigenen Gesellschaft zu schreiben.
Nach der Wende näherten sich beide Reihen inhaltlich an. Heute ist der Hauptunterschied struktureller Natur: Die Produktionsmenge des Tatort übertrifft den Polizeiruf um ein Vielfaches, was zu größerer Qualitätsvarianz führt. Ein ausführlicher Vergleich beider Reihen mit konkreten Episodenanalysen folgt in einem eigenen Artikel auf icestorm.de.
Verbotene Folgen und Zensur im DDR-Kriminalfilm
Ich erinnere mich an eine Seminardiskussion über DDR-Medienpolitik — der Dozent fragte, ob eine Krimiserie gleichzeitig Staatsprodukt und gutes Fernsehen sein kann. Die Antwort, die damals niemand geben wollte, lautet: ja. Der Polizeiruf ist der Beweis in beide Richtungen.
Alle 153 Drehbücher der DDR-Ära wurden vorab genehmigt. Was das Ministerium als gesellschaftspolitisch unvertretbar einstufte, wurde nie gedreht — oder nach dem Dreh verboten und das Material zur Vernichtung angeordnet. Zwei Fälle sind durch Archivarbeit dokumentiert.
„Im Alter von…“ (1974): Die Folge befasste sich mit der Suche nach einem Sexualstraftäter, der einen Jungen ermordet hatte — basierend auf dem realen Fall des Kochlehrlings Erwin Hagedorn aus Eberswalde, der drei Kinder getötet hatte. Das DDR-Ministerium verbot die Ausstrahlung: Ein solches Verbrechen durfte im realen Sozialismus offiziell nicht existieren. Verboten. Die Vernichtung des Filmmaterials wurde angeordnet. Die Filmrollen tauchten 2009 im Archiv Babelsberg unter einer Kellertreppe auf — 35 Jahre nach der Produktion. Im Juni 2011 wurde die Folge erstmals von RBB und MDR ausgestrahlt. 37 Jahre Verbot, dann eine normale Sonntagabend-Premiere.
„Rosis Mann“ (1984): Der Film wurde in Berlin und Magdeburg gedreht und sollte im Herbst 1984 ausgestrahlt werden. Kurz vor dem Sendetermin flohen beteiligte Schauspieler — unter ihnen Hans-Edgar Stecher — in den Westen. Das Material wurde vernichtet. Verschollen. Es gilt bis heute als unwiederbringlich verloren.
Diese Zensurgeschichten sind kein Randaspekt der Reihe. Sie gehören zum Kern. Was der Polizeiruf zeigte, war immer auch ein Spiegel dessen, was er nicht zeigen durfte. Das Verschwundene ist Teil der Geschichte. Die Drehbuchautoren der DDR-Ära lernten früh, was möglich war und was nicht — und entwickelten innerhalb dieser Grenzen eigene Strategien. Manche schrieben gesellschaftliche Kritik in die Figuren ein, die offiziell als kriminelle Außenseiter galten. Andere nutzten den Kriminalfall als Trojanisches Pferd für Alltagsbeobachtungen, die in einem Dokumentarfilm nie gesendet worden wären.
Mehr zum Thema Zensur und unterdrückte DDR-Filmproduktionen im Artikel über Verbotene DEFA-Filme.
Wo kann man Polizeiruf 110 sehen?
Die ARD-Mediathek ist die erste Anlaufstelle für aktuelle Folgen. Neue Episoden werden nach der Erstausstrahlung am Sonntagabend bereitgestellt, ältere ARD-Folgen stehen zeitversetzt zur Verfügung. Die Verfügbarkeit von DDR-Folgen in der Mediathek schwankt erheblich — nicht alle 153 Episoden der DFF-Ära sind dauerhaft online zugänglich, und Lizenzen für älteres Archivmaterial sind komplex. Wer systematisch die gesamte Reihe ab 1971 durchschauen will, kommt mit der Mediathek allein nicht weit.
Joyn bietet einen kostenfreien Livestream, der Das Erste überträgt — inklusive des Sonntagskrimis. Wer verpasste ARD-Folgen nachholen will, findet sie außerdem auf Amazon Prime Video, auf Magenta TV und auf Apple TV+. Auch waipu.tv und Zattoo übertragen Das Erste im Livestream für alle ohne klassischen Kabelanschluss. Die Verfügbarkeit älterer Folgen auf Streaming-Plattformen ist uneinheitlich und ändert sich regelmäßig.
Für DDR-Folgen sind die icestorm-DVD-Boxen die zuverlässigste Quelle. Die „TV-Archiv“-Reihe umfasst die gesamte DDR-Ära in chronologischen Boxen mit Extras und Hintergrundinformationen. Das macht die DVDs zu mehr als reinen Sichtungskopien — sie sind Archivmaterial im physischen Format. Das Ritual des Sonntagskrimis ist trotz Streaming-Revolution erstaunlich stabil geblieben. Streaming-Bibliotheken kommen und gehen. Die Box steht im Regal. Und läuft auf jedem DVD-Player, unabhängig davon, ob irgendeine Streaming-Plattform in zehn Jahren noch existiert oder die Lizenz verlängert hat.
Eine Besonderheit betrifft die DDR-Folgen auf Streaming-Plattformen: Gelegentlich tauchen einzelne Episoden auf YouTube auf — teils offiziell durch ARD-Kanäle, teils als Upload von Privatnutzern. Die Rechtslage ist dabei nicht immer eindeutig. Wer auf Nummer sicher gehen will, ist mit den DVD-Boxen besser beraten. Für Gelegenheitsschauen reicht die ARD-Mediathek für aktuelle Episoden vollkommen aus.
Hinweis für internationale Zuschauer: Außerhalb Deutschlands ist die ARD-Mediathek durch Geoblocking nicht frei zugänglich. Die DVD-Boxen sind dagegen weltweit bestellbar und bieten für Auslanddeutsche oder DDR-Interessierte in anderen Ländern die verlässlichste Option, die gesamte Reihe in guter Qualität zu sehen.
Polizeiruf 110 als Gesellschaftsspiegel: Was die Reihe einzigartig macht
Kein anderes deutsches Fernsehformat hat so lange und so kontinuierlich die Gesellschaft beobachtet, die es produziert hat. Der Polizeiruf 110 startete als Instrument der DDR-Selbstdarstellung und wurde im Laufe der Jahrzehnte zu etwas ganz anderem: einem Archiv des deutschen Alltagslebens, das in seiner Dichte kaum seinesgleichen kennt.
In der DDR-Ära war die Reihe das Fenster, durch das das Fernsehen auf die eigene Gesellschaft blickte — kontrolliert, genehmigt, aber nie völlig steril. Die Autoren schrieben in einem System, das sie kannten, und das merkt man. Die Wohnungen, die Arbeitsstellen, die sozialen Konflikte: Alles klingt nach echtem Leben, selbst wenn die ideologische Rahmung manchmal merklich knirschte.
Nach der Wende veränderte sich das Verhältnis zwischen Reihe und Gesellschaft grundlegend. Der Polizeiruf war jetzt nicht mehr Staatsfernsehen, sondern öffentlich-rechtliche Produktion in einem pluralen Mediensystem. Die Freiheit wuchs, die Kontrolle schwand — und mit ihr der besondere Blick, den das Eingebundensein in ein politisches System erzeugt. Was gewonnen wurde: Offenheit, Vielfalt, Experiment. Was verlorengegangen ist: die Reibung zwischen Absicht und Wirklichkeit, die die DDR-Folgen bis heute spannend macht.
Heute ist der Polizeiruf eine der wenigen deutschen Fernsehserien, die man chronologisch schauen und dabei eine Art Gesellschaftsgeschichte erleben kann — von den Plattenbauten der frühen 1970er Jahre bis zu den Großstadtlandschaften des 21. Jahrhunderts. Das ist kein Versprechen, das viele Reihen erfüllen können.
Besonders die DDR-Folgen haben für Historiker und Kulturwissenschaftler einen Dokumentationswert, der über das reine Krimiformat hinausgeht. In keiner anderen Quelle lässt sich so gut nachvollziehen, wie die DDR-Gesellschaft ihre eigene Kriminalität wahrnahm — und welche Narrative sie bereit war, öffentlich zu verhandeln. Das Spannungsfeld zwischen staatlicher Genehmigungspflicht und dem Schreibzwang der Autoren, in ihrer eigenen Realität zu arbeiten, produzierte Texte, die unfreiwillig ehrlicher sind als mancher Dokumentarfilm.
Ob man nun mit der ersten Folge von 1971 beginnt oder bei einem aktuellen Rostock-Krimi einsteigt: Der Einstieg lohnt sich. Die vollständige Folgenübersicht gibt es im Polizeiruf 110 Episodenverzeichnis. Für den weiteren DDR-Filmkontext empfiehlt sich der Überblick über die besten DEFA-Filme aller Zeiten.
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