Plattenbau-Balkon im Sommer mit roten Geranien und Transistorradio — DDR-Alltag der 1960er Jahre
DEFA-Filme

DDR-Komödien: Wenn die DEFA lacht

15. September 2026 · Aktualisiert: 19. Mai 2026

Komödien aus der DDR? Das klingt für viele nach einer Randnotiz. Der DEFA-Kanon, wie er heute diskutiert wird, hat andere Schwerpunkte: die verbotenen Filme, die Zensur-Dramen, die Regisseure, die das Land verließen. Aber da war noch etwas anderes — ein Genre, das unter Bedingungen politischer Kontrolle erstaunlich lebendige Werke hervorbrachte. Ich bin da eher zufällig reingestolpert. In meinem Berliner DDR-Film-Seminar 1994 hatten wir einen Gastreferenten, der wissen wollte, warum wir ausschließlich Tragödien behandelten. Er brachte eine VHS-Kassette mit, legte sie ein, und plötzlich saßen zwölf Studenten in einem Hörsaal und lachten sich weg über einen Film aus dem Jahr 1968.

Das war Heißer Sommer.

Die frühen Komödien: Humor als gesellschaftliches Ventil

Die DEFA hat nie eine eigene Komödientradition entwickelt — zumindest nicht im Sinne eines kohärenten Genres mit Schulen und Stilen. Was es gab, waren einzelne Ausreißer, die innerhalb des Systems Freiräume fanden, die das Drama nicht hatte. Komödie war politisch weniger verdächtig. Man musste nicht zwischen den Zeilen suchen nach subversiven Botschaften, wenn die Figuren sowieso gerade stolperten.

Ein Lotus für Miss Quon (1961)

Regie: Günter Reisch. DDR trifft Vietnam, und zwar buchstäblich: Eine vietnamesische Studentin kommt nach Leipzig, Missverständnisse häufen sich, die Liebesgeschichte entfaltet sich zwischen zwei Kulturkreisen. Der Film funktioniert heute besser als erwartet — nicht weil er politisch kühn wäre, sondern weil Reisch ein Gespür für Timing hatte. Die Komik entsteht aus Situationen, nicht aus Ideologie. Das ist der Unterschied zwischen einem Film, der veraltet, und einem, der einfach ein Film ist.

Zeitdokument: Ja. Propaganda: Etwas. Sehenswert: Trotzdem.

Heißer Sommer (1968)

Hier wird es interessant. Joachim Hasler inszenierte einen Jugendfilm, der heute oft als DDR-Version eines Strand-Musicals beschrieben wird — was stimmt, aber zu wenig sagt. Frank Schöbel singt. Manfred Krug singt. Es gibt Liebesgeschichten, Missverständnisse, Ostsee, Sommer. Die Jugendlichen wirken tatsächlich jung, nicht wie erwachsene Schauspieler, die Jugend spielen.

Was den Film auszeichnet, ist die Energie. 1968 — das Jahr des Prager Frühlings, das Jahr der Niederschlagung durch Warschauer-Pakt-Truppen — und die DDR-Filmproduktion bringt einen Musikfilm über tanzende Teenager an die Ostsee. Man kann das als Ablenkungsmanöver lesen. Man kann es auch anders lesen: als das schmale Fenster, durch das damals Leichtigkeit hereinpasste.

Der Film hat gealtert. Gut. Er funktioniert heute noch — nicht als Nostalgieartikel, sondern als Zeitdokument mit echtem Unterhaltungswert. Schauen, wer Schöbel kennt und wer nicht, ist bei Vorführungen selbst heute noch eine zuverlässige Altersmarkierung.

Die Siebziger: Alltag als Komödienstoff

In den 1970ern verschob sich etwas. Die politische Kontrolle blieb, aber die Alltagskomödie fand ihren Platz. Kleine Konflikte, Wohnungsprobleme, Beziehungsverwicklungen — das war der Stoff, den die Zensoren durchgehen ließen, weil er keine großen Fragen stellte. Oder zu stellen schien.

Wie heiratet man einen König (1969)

Regie: Ralf Kirsten. Formal noch in den Sechzigern verwurzelt, inhaltlich aber schon auf dem Weg zu dem, was die Siebziger ausmachen würden: Ein Märchen-Stoff, verarbeitet mit leichter Hand. Der Film ist kein großes Werk — er ist gut. Das ist ein Unterschied, den man festhalten sollte. Die DEFA hat nicht nur große Werke hervorgebracht. Sie hat auch ordentlich erzählte, handwerklich solide Unterhaltung gemacht, die ihren Zweck erfüllte und dabei nicht log.

Der Mann, der nach der Oma kam (1972)

Regie: Roland Oehme. Das ist der Film, bei dem man kurz nachdenken muss — und dann lacht. Ein Haustausch-Szenario, skurrile Charaktere, eine Handlung, die sich selbst nicht zu ernst nimmt. Die Komik ist derber als bei Reisch oder Hasler, sie zielt auf Situationen, die jeder kennt: enge Wohnverhältnisse, Generationenkonflikte, der Alltag in einem Land, in dem man sich arrangiert.

Genau das macht ihn interessant. Er zeigt DDR-Alltag ohne Verklärung — aber auch ohne die anklagende Geste des Autorenkinos. Die Menschen in diesem Film navigieren ihre Realität, wie Menschen es eben tun: mit Witz, Improvisation und gelegentlichem Aufseufzen.

Unterschätzt. Wirklich.

Der Wende-Blick: Sonnenallee (1999)

Hier muss man kurz stoppen. Sonnenallee von Leander Haußmann ist kein DEFA-Film — er entstand 1999, fast zehn Jahre nach dem Ende der DDR. Ihn in eine Reihe mit den Produktionen aus Babelsberg zu stellen wäre sachlich falsch. Aber wer über DDR-Komödien schreibt, kommt an ihm nicht vorbei, weil er den Blick auf das Genre verändert hat.

Haußmanns Film ist Erinnerungskomödie. Er blickt zurück auf eine Jugend in der DDR — nicht anklagend, nicht verklärend, aber mit einer Wärme, die Teile der deutschen Öffentlichkeit damals überraschte. Das war der Vorwurf: Ostalgie. Das ist zu einfach. Was Sonnenallee wirklich macht, ist zeigen, dass Menschen in der DDR gelebt haben — nicht nur gelitten oder funktioniert. Diese Banalität war 1999 fast eine Provokation.

Als Kontrast zu den echten DEFA-Komödien ist der Film lehrreich. Die Authentizität, die Haußmann herstellt, haben die DDR-Komödien nie angestrebt — sie waren im Hier und Jetzt ihrer Entstehungszeit, nicht auf Rückblick gebaut. Dieser Unterschied erklärt, warum manche der frühen Filme heute lebendiger wirken als Sonnenallee: Sie wussten nicht, dass sie Dokumente wurden.

Mehr über die filmhistorischen Rahmenbedingungen, in denen diese Werke entstanden, bietet die DDR-Filmgeschichte: Das Kino von 1946 bis zur Wende 1990. Wer wissen will, welche anderen Genres die DEFA geprägt haben, findet in Die besten DEFA-Filme aller Zeiten einen umfassenden Überblick. Und wer die DEFA-Unterhaltungsproduktion in einem verwandten Genre erkunden möchte — und die war beträchtlich — findet bei den DEFA-Märchenfilmen ebenfalls überraschend starkes Material.

Stefan Bodenschatz

Filmkritiker & Herausgeber

Filmkritiker aus Berlin-Tempelhof. Germanistik und Kulturwissenschaften, FU Berlin. Schreibt über DDR-Kino, DEFA und osteuropäisches Film seit zwanzig Jahren.